... dem Görlitz-Helden?

Daniel Schölzel wollte die Siemens-Jobs in seiner Stadt retten

Als das Jahr 2018 begann, hatte Daniel Schölzel ein "komisches, ein schales Gefühl", so erinnert er sich. Siemens, sein Arbeitgeber, wollte das Werk in Görlitz, seiner Heimatstadt, schließen.

Heute gehört Daniel Schölzel gemeinsam mit seinen Kollegen in Görlitz zu den Gewinnern des Jahres. Statt den Standort aufzugeben, hat Siemens ihn sogar aufgewertet.

Wie das gelang? Indem die Belegschaft ihren Protest politisch machte. Indem sie keinen Arbeitskampf wie jeden anderen anzettelte, sondern eine deutschlandweite Diskussion auslöste. Die Debatte kreiste um die Frage: Wie kann ein so wichtiger Konzern wie Siemens ausgerechnet im sächsischen Osten, wo seit Jahren der Populismus blüht, ein ganzes Werk schließen? Hat dieses Unternehmen nicht auch eine politische Verantwortung? In allen überregionalen Medien, auch in der ZEIT, wurde diese Frage diskutiert.

Mitte Januar 2018 gingen in Görlitz – wegen Siemens – so viele Menschen auf die Straße wie nie nach dem Mauerfall: 7000. Manche Firmen gaben ihren Mitarbeitern frei, damit sie sich an der Demo beteiligen konnten. Daniel Schölzel erzählt, er habe sich in all der Zeit nie nach anderen Stellen umgesehen, keiner seiner Kollegen habe das getan: "Wir wollten Siemens unbedingt umstimmen." Irgendwann lenkte der Konzernchef Joe Kaeser ein. Und nicht nur das: Der Standort Görlitz wurde zum sogenannten Leitwerk erklärt. Von hier aus werden also Mitarbeiter in Indien, Brasilien, Tschechien und den USA angeleitet. Auch eigene Vorschläge, das Werk effektiver zu machen, erarbeitete die Belegschaft. Eine kleine Delegation radelte zur Übergabe des Konzepts von Görlitz nach München.

Anders gesagt: 2018 haben die Siemensianer aus dem Osten bewiesen, dass sich Wut auch produktiv einsetzen lässt. Wenn man laut bleibt – aber anständig.
Anne Hähnig