Zum ersten Mal hörte Ángel Hernández Mitte November von der Liste. Er stand mit Frau und Sohn an der Grenze in Tijuana, der letzten mexikanischen Küstenstadt vor dem Übergang nach Kalifornien. Nur wenige Meter vor ihm lag San Diego. Hernández wollte Asyl beantragen, seine Papiere waren sorgfältig vorbereitet. An der Grenze erklärten ihm mexikanische Grenzbeamte jedoch, so funktioniere das nicht mehr. Es gäbe jetzt la lista, "die Liste". Nur wer seinen Namen dort eintrage, dürfe in den USA Asyl beantragen. Dann schickten sie Hernández weg.

Joshua Izaguirre hörte das erste Mal von der Liste, als er sich mit wund gelaufenen Füßen nahe der Grenze ausruhte. Er war mit der Karawane aus Honduras in Tijuana angekommen, nun hauste er in einem der Zelte, die die Stadtverwaltung auf einem Sportplatz für die Migranten aufgestellt hat. Der Platz erinnert an ein Basiscamp, vor der letzten Etappe zum Gipfel.

Ángel Hernández und Joshua Izaguirre sind zwei von etwa zehntausend Migranten in Tijuana. Die meisten kamen wie Izaguirre Ende November mit der Karawane aus Honduras. Andere, wie Hernández, sind mit dem Flugzeug gekommen. Jeder, der hier gestrandet ist, hat seinen eigenen Grund dafür, die Heimat verlassen zu haben. Was sie teilen, ist das Ziel. Sie wollen einen Weg zum Gipfel finden: die Vereinigten Staaten von Amerika.

Einige Migranten versuchten kürzlich, dorthin zu gelangen, indem sie die Grenze stürmten. Die amerikanische Grenzpolizei drängte sie darauf mit Tränengas zurück. Dass die Wartenden einfach drauflosrannten, ohne Aussicht auf Erfolg, ist auch ein Ausdruck von Frust und Verzweiflung. Der legale Weg über die Grenze, ein Asylantrag, ist voller Hindernisse, und die Hindernisse werden immer zahlreicher.

Für die Menschen auf dieser Seite des Zauns wirkt Amerika gewaltig und verheißungsvoll, ein Land, gesichert wie eine Festung. Hier ist kaum vorstellbar, dass jenseits des Zauns sie, die Machtlosen, es sind, von denen die Regierung von Präsident Trump sagt, sie seien eine Bedrohung für die USA. Dass der Präsident sogar den Shutdown, die vorübergehende Stilllegung der Behörden, in Kauf nimmt, weil er hier an der Grenze eine Mauer bauen will, die Milliarden kosten soll. Angesichts der Abschottung ist hier vor der Grenze so etwas entstanden wie eine Schicksalsgemeinschaft.

Ángel Hernández will mit Frau und Sohn auf legalem Weg in die USA gelangen. Also machte er sich auf die Suche nach der Liste. Er fand sie auf dem Vorplatz des Grenzüberganges El Chaparrel. Dort saß eine Latina in Jeans und T-Shirt, vor der eine lange Schlange Migranten stand. Einer nach dem anderen zeigte seinen Ausweis vor. Die Frau trug Namen und Herkunftsland mit Kugelschreiber in eine zerfledderte Kladde ein. Dann nahm sie einen Papierschnipsel, schrieb eine Nummer drauf und reichte sie dem Flüchtling. So erzählt er es.

Ein bisschen überrascht war Hernández schon. Was aussah wie ein illegales Wettbüro, gehörte zum amerikanischen Asylprozess? Dieser Frau mit der Kladde sollte er vertrauen?