Man weiß nicht viel Genaues über George Pell in diesen Tagen. Es heißt, der australische Kardinal wolle sich einer Knieoperation in Sydney unterziehen. Und man weiß außerdem, dass er zuletzt Haupteingänge mied. Der Kardinal, der lange Zeit einer der wichtigsten Mitarbeiter von Papst Franziskus war, ist seit geraumer Zeit vom mächtigsten Katholiken zur Persona non grata in Australien mutiert. Zeigt er sich in der Öffentlichkeit, wird Pell beschimpft, manchmal sogar bespuckt und angefeindet. Vor zwei Wochen soll er in Melbourne wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden sein.

Am 4. Februar will das Gericht Urteil und Strafmaß bekannt geben. Obwohl sich Insider sicher sind, der ehemalige Papstberater sei erstinstanzlich verurteilt worden, weil er vor 40 Jahren Jugendliche in einem Schwimmbad belästigt und 1996 zwei Chorknaben zum Oralsex gezwungen habe, herrscht weiter Unklarheit. Das Gericht in Melbourne hat die Berichterstattung über den Fall verboten, um im Medientrubel die nötige Objektivität nicht zu verlieren. Ein zweites Verfahren gegen ihn ist anhängig. Pell wird in Australien gehasst. Es ist tatsächlich nicht ganz einfach, bei George Pell kühlen Kopf zu bewahren.

Das ist auch daran zu erkennen, wie der Vatikan mit dem Prälaten umgeht. Am Tag nach Bekanntwerden des Urteils in Melbourne entließ Papst Franziskus den Kardinal aus seinem neunköpfigen Beratungsgremium zur Kurienreform. Die Entscheidung soll unabhängig von dem Prozess gefallen sein. Unter anderem wurden "Altersgründe" für sein Ausscheiden angeführt. Als Chef des 2014 neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats ist Pell trotz einer Beurlaubung durch Franziskus im Sommer 2017 offiziell immer noch im Amt. Wie es heißt, werde die "elegante" Lösung für ihn bevorzugt.

Wenn Ende Februar seine fünfjährige Amtszeit abläuft, wird diese wohl nicht verlängert. Es wäre die sanfte Entlassung für einen Mann, den man mit vielen Adjektiven beschreiben kann, nur nicht als sanft.

Der Zufall will es, dass ausgerechnet dann, wenn Pell endgültig seinen Posten in Rom räumen muss, auch die Vorsitzenden aller katholischen Bischofskonferenzen im Vatikan zusammenkommen. Vom 21. bis 24. Februar sollen sie auf Geheiß des Papstes über die Bekämpfung sexuellen Missbrauchs beraten. Allen, die von dieser Begegnung wegweisende Entscheidungen erwarten, hat der frühere vatikanische Chefermittler in Sachen Missbrauch, der maltesische Erzbischof Charles Scicluna, schon einmal Enttäuschungen vorhergesagt. "Das ist der Beginn eines Prozesses, es ist nicht der Anfang und das Ende von irgendetwas", sagte Scicluna über die Konferenz. Scicluna ist nicht nur einer von vier Organisatoren der Veranstaltung, sondern war jahrelang in der Glaubenskongregation zuständig für kanonische Verfahren in Sachen Missbrauch. Papst Franziskus hat den Erzbischof von Malta erst vor zwei Monaten wieder zurück in die Glaubenskongregation geholt, weil er seine Expertise dringend benötigt. Was meint Scicluna damit, dass erst jetzt, mehr als 15 Jahre nach Bekanntwerden des ersten großen Skandals in den USA und im fünften Amtsjahr von Papst Franziskus, der entscheidende Wandel in der Kirche seinen Anfang nehmen kann?

Das vierköpfige Organisationskomitee, zu dem neben den Kardinälen aus Chicago, Blase Cupich, und Bombay, Oswald Gracias, auch der deutsche Jesuit Hans Zollner als Leiter des Kinderschutzzentrums der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom gehört, erteilte den Teilnehmern noch vor Weihnachten Hausaufgaben. Sie sollen einen Fragebogen ausfüllen und, vor allem, Betroffene von sexueller Gewalt treffen. "Der erste Schritt ist, die Wahrheit anzuerkennen", heißt es in einem Schreiben der Organisatoren an die Bischöfe. Die Opfer sollen bei der Konferenz endlich im Vordergrund stehen. Geplant sind Vorträge von Betroffenen, auch bei einer Bußmesse während des viertägigen Treffens sollen Opfer zu Wort kommen. Die Öffentlichkeit erwartet den Beschluss konkreter, weltweit geltender Maßnahmen, die dem Missbrauch und der Vertuschung ein Ende bereiten. Dennoch kann es gut sein, dass Scicluna recht behalten wird. Eine jahrzehntealte Kultur, in der das Ansehen der Kirche der Anerkennung der Opfer vorangestellt wurde, kann kaum innerhalb von vier Tagen zu Ende gehen.

Papst Franziskus gab sich auch bei seiner diesjährigen Weihnachtsansprache an die Kurie wieder als radikaler Aufklärer. "Und denen", sagte er vor der versammelten Kurie, "die Minderjährige missbrauchen, möchte ich sagen: Bekehrt euch, stellt euch der menschlichen Justiz". Der Papst erlebt den zähen Mentalitätswandel auch am eigenen Leib. Zu Beginn des vergangenen Jahres auf seiner Chile-Reise bezeichnete er die Anschuldigungen von Betroffenen gegen einen des Missbrauchs verdächtigen chilenischen Bischof noch als "Verleumdung". Sogar vatikanintern regte sich Widerstand gegen diese Wortwahl, die ganz auf der Linie der traditionellen Wahrnehmung verlief. Die Opfer mussten sich verhöhnt fühlen. Im Skandal lag aber auch der Schlüssel für den Wandel. Franziskus schickte Erzbischof Scicluna zu Ermittlungen nach Chile und ließ sich eines Besseren belehren. Ein knappes Jahr später, im vergangenen Dezember, entließ Franziskus seinen Vertrauensmann in Chile aus dem neunköpfigen Kardinalsrat. Javier Francisco Errázuriz und andere Granden hatten den Papst wissentlich falsch über die Lage in Chile informiert. Nach dem "Sommer der Schande", in dem in den USA, Irland, Australien und Deutschland neue Erkenntnisse über die Ausmaße des Missbrauchs in der Kirche ans Tageslicht kamen, forciert der Papst nun mit dem Februar-Treffen die Veränderung. Sie gilt als wesentlich dafür, ob sein Pontifikat eines Tages als Erfolg oder Misserfolg angesehen wird.