In Aufzeichnungen aus dem Jahr 1952 vergleicht Hannah Arendt die Tyrannei mit einer Wüste. Der politische Raum verschwinde. Die Gleichheit der Menschen sei nicht mehr Gleichheit vor dem Gesetz, sondern nur noch die Gleichheit der Fähigkeit zu töten. Ein "Exzess der Demokratie", wie sie es nennt, führe dazu, dass jede Auszeichnung Einzelner oder von Gruppen, jede Vortrefflichkeit als Ungerechtigkeit bewertet werde. Das stehe am Anfang der Tyrannei. Kreatives Handeln und Wahrhaftigkeit seien nicht mehr Inspirationsquellen für gemeinsame politische Ziele, sondern stellten eine potenzielle Bedrohung der Gleichheit dar. Deshalb höre in der Tyrannei gemeinsames Handeln der Menschen auf. Sie verfolgten keine kollektiven Ziele mehr. An die Stelle der Entwicklung gemeinsamer Interessen träten Vereinzelung, die Furcht voreinander und vor dem Herrscher. Misstrauen bestimme das Verhältnis zwischen den Regierten und dem Tyrannen. Am Ende gehe es nur noch um Überleben und Machterhalt.

Doch Hannah Arendt unterscheidet Tyrannei von Totalitarismus. Für den Totalitarismus sei eine Bewegung erforderlich, die Menschen vermeintlich wie eine Naturgewalt ergreife und die als ebenso notwendig angesehen werde wie naturgesetzliche Entwicklungen. Aufgrund der Notwendigkeit der Bewegung falle die politische Urteilskraft aus. Es gehe nicht mehr darum, allgemeine Ideen in ein Verhältnis zu politischen Handlungen zu setzen, sondern nur noch um die Voraussage des nächsten Schritts der Bewegung, darum, im Sinn der Notwendigkeit zu reagieren. Deshalb habe Hitler von "Vorsehung" gesprochen, und deshalb habe Stalin betont, wer A sage, müsse auch B sagen. In der Tyrannei träten private Begierden des Tyrannen, die man als natürlich beschreiben könne, und natürlicher Überlebenswille der vereinzelten Beherrschten an die Stelle gemeinsamer politischer Interessen. Im Totalitarismus würden dagegen Kollektive von natürlichen Notwendigkeiten erfasst: den Gesetzen der Rasse oder denen der Klasse, aus denen der Gang der Geschichte gesetzmäßig folge. Es habe im Totalitarismus keinen Sinn, politische Interessen und Zielvorstellungen zu entwickeln, die nicht mit dem notwendigen Gang der Geschichte übereinstimmen. Man handele entweder in Harmonie mit der Notwendigkeit oder werde gegen seinen Willen von ihr weggespült. Auf jeden Fall geschehe, was geschehen müsse. Die Ideologie der Notwendigkeit der Geschichte ersetze den Zwang des selbst gesetzten Rechts durch den Zwang des schicksalhaft aufgefassten Gangs der menschlichen Dinge.

Hannah Arendt hat diese Überlegungen damals formuliert, um ein Buch über die Stellung von Karl Marx in der Geschichte der politischen Theorien zu schreiben, in dem sie vor allem untersuchen wollte, warum sein Denken vom stalinistischen Totalitarismus benutzt werden konnte. Sie hat dieses Buch über Marx nicht abgeschlossen. Doch die Vorarbeiten dazu kann man jetzt im Band 6 der neuen und vorzüglichen kritischen Gesamtausgabe ihrer Schriften mit dem Titel The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buchs nachlesen, mit dem dieses Editionsprojekt startet. Bei der Lektüre dieses Bandes laufen einem kalte Schauer über den Rücken. Zwar richtete sich Arendts Denken zu diesem Thema auf ein Verständnis der Vergangenheit: des Totalitarismus im Nationalsozialismus und im Stalinismus. Sie wurde von der Frage geleitet, wie in einem Staat ehemals als gerecht angesehene Gesetze und die vor dem Hintergrund dieser Gesetze als legitim eingestufte Macht beim Umschlag in den Totalitarismus durch Ideologien der Notwendigkeit und durch lebensbedrohlichen Terror ersetzt werden konnten. Doch man liest diese Texte, als seien sie Diagnosen unserer Gegenwart oder gar Prognosen unserer Zukunft.

Der Selbstmord der türkischen und die Selbstbeschädigung der amerikanischen Demokratie, von denen noch nicht klar ist, wie sie ausgehen werden, ob sie den Anfang von neuen Tyranneien darstellen, verbinden sich in der Gegenwart mit vermeintlich alternativlosen Notwendigkeiten, mit denen wir durch Entwicklungen von Wirtschaft und Technologie konfrontiert sind. Das teilweise automatisierte Marktgeschehen an den Börsen ist nur noch eingeschränkt der menschlichen Planung unterworfen und nachträglich kaum transparent zu machen. Die stetig naturalistischer werdenden Sozialwissenschaften betrachten unter Heranziehung großer Datenmengen soziale Prozesse immer mehr als gleichsam gesetzmäßige Vorgänge von außen. Geschichtsmythologien pessimistischer oder eschatologischer Tendenz über den Untergang des Abendlandes oder die bevorstehende technologische Erlösung der Menschheit in der sogenannten Singularität stoßen auf allgemeines Interesse oder werden gar, wie im Falle von Steve Bannon, zum intellektuellen Hintergrund "politischen" Handelns. Wirtschaft, Technikentwicklung und Geschichte erscheinen als totalitäre Bewegungen ohne Ideologien, auf die die Politik nur noch reagieren kann, sofern sie sie durchschaut. Doch meist ist sie dazu kaum in der Lage. Und da, wo tatsächlich notwendige Prozesse verstanden werden, wie beim Klimawandel, scheint die Politik in ihrer Reaktionsfähigkeit gelähmt. Das gibt Hannah Arendts Gedanken eine gespenstische Aktualität. Man kann nur hoffen, dass ihr Blick auf die Vergangenheit sich nicht tatsächlich als einer auf unsere Zukunft erweist.

Hannah Arendt: The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buchs. Kritische Gesamtausgabe, Band 6; Wallstein Verlag, Göttingen 2018; 923 S., 49,– €