DIE ZEIT: Herr Bolz, Sie sagten einmal, Teamwork sei nur eine Umschreibung dafür, dass andere die Arbeit machen. Wie kommen Sie darauf?

Norbert Bolz: 20 Prozent der Leute machen 80 Prozent der Arbeit. Das ist bei fast allen Gruppen so.

ZEIT: Die anderen 80 Prozent faulenzen?

Bolz: In jeder Gruppe gibt es Schläfer und Bremser. Das lässt sich nicht verhindern. Schlimmer aber ist der Glaube, dass Menschen in Gruppen kreativer seien als allein. Teamarbeit hat ihre Stärken, ganz klar, aber wenn es um große, neue Ideen geht, ist sie absolut ungeeignet.

ZEIT: Teamarbeit verhindert Innovation?

Bolz: In einer Gruppe bildet sich automatisch eine Hackordnung. Die Ranghöchsten dominieren die Diskussion. Wer eine abweichende Meinung hat, braucht irrsinnig viel Mut, sie in einer geschlossenen Gruppe zu äußern.

ZEIT: Aber beim Brainstorming werden die Teilnehmer doch explizit ermutigt, ihre Ideen frei und ohne Denkverbote zu äußern.

Bolz: Brainstorming ist eine große Illusion. Niemand kann auf Befehl spontan sein. Die Gruppe, gerade wenn es sich um enge Bezugspersonen handelt, übt einen enormen Anpassungsdruck aus. Freies Denken ist da ein Widerspruch an sich. Nichts ist für das Nachdenken abträglicher, als wenn es im Beisein anderer stattfindet.

ZEIT: Der US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald notierte einmal: "Keine große Idee wurde jemals in einer Konferenz geboren, aber eine Menge tollkühner Ideen sind dort gestorben."

Bolz: (lacht) Ich würde noch ergänzen: Jedes Buch, das sich zu lesen lohnt, hat ein Einzelner geschrieben, und zwar allein.

ZEIT: Sie können Teams gar nichts Gutes abgewinnen?

Bolz: Oh doch! Bei Kritik funktioniert Teamarbeit unheimlich gut. Wenn Sie einer Gruppe bestehende Ideen vorlegen, dann ist die sehr, sehr stark im Kritisieren. Eine diverse Gruppe entdeckt Schwächen besser als ein Einzelner. Aber es ist ein Mythos, zu glauben, es würde Neues entstehen, wenn viele Leute zusammenkommen und spontan drauflosdenken. Die großen Ideen, die master ideas, entstehen immer in gewisser Einsamkeit.

ZEIT: Der Apple-Mitgründer Steve Wozniak rät in seinen Memoiren: "Arbeite allein. Nicht in einem Team."

Bolz: Superfirmen wie Apple, Google oder Amazon wurden von Menschen gegründet, die vollkommen allein ihre Ideen entwickelt und sie gegen jeden Widerspruch durchgesetzt haben. Das ist das Gegenteil von Teamarbeit. Howard Schultz ...

ZEIT: ... dem Gründer der Kaffeehauskette Starbucks ...

Bolz: ... kam seine große Geschäftsidee, als er Anfang der Achtzigerjahre in Mailand in einer italienischen Espressobar saß. Kein Marktforscher hätte damals den Welterfolg von Starbucks voraussehen können.

ZEIT: Wie kommen Sie selbst auf Ideen?

Bolz: Fast ausnahmslos zu Hause bei meiner Familie. Ich konnte als Hochschulprofessor überhaupt nur intellektuell arbeiten, indem ich mich aus Symposien, Konferenzen und Meetings so gut wie möglich herausgezogen habe.