So etwas muss erst einmal gelingen: Eine wohnwagengroße Kiste zu einem 120 Millionen Kilometer entfernten kartoffelförmigen Klumpen von kaum 500 Meter Durchmesser zu schicken. Und das war noch der leichtere Teil. Im Dezember hat die Feinarbeit für die Sonde Osiris-Rex begonnen, nach gut zweijährigem Flug zum Asteroiden Bennu begann da eine mehrere Monate währende subtile Annäherung in immer enger werdenden Kreisbahnen, an deren Ende die Kiste im Jahr 2020 so haarscharf die Oberfläche des Klumpens streifen soll, dass ihr ausgeklappter Metallarm eine Materialprobe abkratzen kann. Diese soll den ganzen langen Rückweg sicher in einer feuerfesten Kapsel verstaut in Osiris’ Innerem verbringen, um dann im letzten Augenblick beim Vorbeiflug an der Erde abgeworfen zu werden. In der Heimat freuen sich Chemiker der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa schon auf das fremdweltliche Material.

Am Asteroiden Bennu: Anfang Dezember erreichte die Nasa-Sonde "Osiris-Rex" ihr Ziel und fand dort sogleich Spuren von Wasser. Im Jahr 2023 soll sie eine Bodenprobe des fernen Himmelskörpers zur Erde bringen. © Nasa

Eine spektakuläre Forschungsmission. Jahre der Planung gehen ihr voraus, jedes Flugmanöver ist superpräzise berechnet, jedes Detail expertengeprüft, und doch: Erzeugt die Auflistung dieser Ingenieursleistungen nicht zu allererst – Staunen?

Staunende Momente erzeugen auch vier weitere aktuelle Sondengeschichten:

Chinas Raumforscher blicken gerade auf einen viel größeren, viel näheren Klumpen, hinter dem sich ihr Schützling Chang'e 4 verbirgt: Gleich zu Beginn des neuen Jahres soll die Sonde dort landen, wo noch nie Menschen einen Apparat platzieren konnten – auf der Rückseite des Mondes. Die ist dauerhaft von der Erde abgewandt.

Just zu Neujahr wird die Sonde New Horizons in den eisigen Außenbezirken des Sonnensystems den Kleinhimmelskörper Ultima Thule passieren, ihn fotografieren und vermessen – nie gab es so einen Vorbeiflug in ähnlich großer Entfernung von der Erde. Weit mehr als sechs Milliarden Kilometer weit weg ist das Roboterraumschiff schon.

Erst Ende November hatte die Nasa eine Sonde namens InSight auf den Mars bugsiert, die unter anderem ein Messgerät aus Berlin an Bord trägt. Das soll im Januar seinen Fühler fünf Meter tief in den Marsboden treiben (Spitzname: Marsmaulwurf).

Und seit Oktober ist BepiColombo in entgegengesetzter Richtung ins Innere des Sonnensystems unterwegs, um in einer filigranen Choreografie aus Vorbeiflügen und Umrundungen eine Bahn um Merkur zu finden, ohne dass gleich die übermächtige Anziehung der Sonne die kleine Sonde verschlingt. Das europäisch-japanische Unterfangen ist erst die zweite Mission überhaupt zum Merkur, dem innersten Planeten unseres Sonnensystems.

Menschen können Maschinen bauen, die in Milliarden Kilometer Entfernung Millimeterarbeit zu verrichten vermögen. Diese Maschinen können Asteroiden anbaggern, sie können fremde Welten vermessen, sie können die grenzenlose Leere überwinden, die sicherlich kein Mensch je bereisen wird.

Wenn es auf Erden fair zuginge, wir würden in den Raumsonden die Superhelden des Weltalls erkennen. – Natürlich ist es anders.

Das zurückliegende Jahr hat besonders gut gezeigt, wie sehr die Raumfahrt mit Menschen an Bord die öffentliche Wahrnehmung dominiert. Aktueller Spitzenreiter: Der frisch heimgekehrte Alexander Gerst mit seinem zweiten Aufenthalt auf der (seit 20 Jahren fliegenden) Internationalen Raumstation ISS, die er für ein paar Wochen "als erster Deutscher" kommandierte, wie zum 3. Oktober landauf-landab gewichtig vermeldet wurde, als stelle das an sich irgendeine Leistung dar.

Jenseits des Neptuns: An Neujahr passiert "New Horizons" in 3500 Kilometer Entfernung den Himmelskörper Ultima Thule, ein kleines Objekt im Bereich jenseits des Planeten Neptun. Nie zuvor gab es so weit draußen einen so nahen Vorbeiflug. © Nasa

Und international? Eine amerikanisch-russische Posse darüber, wer Löcher in Gersts Sojus-Kapsel gebohrt haben könnte, weckte mehr Interesse als wahrscheinlich alle Forschungsexperimente an Bord der ISS zusammen und erst recht als jede einzelne der eingangs bestaunten Robotermissionen. In China begann im Frühjahr das Auswahlverfahren für 18 (!) neue Raumfahrer ("Taikonauten"), die zukünftigen Helden der staatlichen Medien. Und selbst der Jungfernflug der privaten Trägerrakete des Tesla-Milliardärs Elon Musk, der ein gebrauchtes rotes Cabriolet ins All schießen ließ, kam nicht ohne ein symbolisches Männlein aus. Hinter dem Lenkrad festgeschnallt, flog eine Schaufensterpuppe (Spitzname: Starman) in Helm und Raumanzug durchs All, zu den Klängen von David Bowies Space Oddity.

Odd – "skurril" – ist das alles in der Tat. Die technisch aufwendige, wissenschaftlich fragwürdige und finanziell unverhältnismäßige Stippvisite einzelner Menschen im erdnahen Raum bindet Aufmerksamkeit und Ressourcen. Von den höchst unausgegorenen Zukunftsplänen der Trump-Regierung für eine Raumstation in der Umlaufbahn des Mondes und eine Rückkehr von Menschen auf dessen Oberfläche muss man da erst gar nicht anfangen.

Währenddessen gehört die reale Zukunft im All Roboterraumschiffen und autonom agierenden Apparaten: Anfang Dezember hat die Nasa gleich mehrere kleine Mondmissionen vorgestellt. Allesamt werden sie mit robotischen Sonden durchgeführt, von Privatfirmen im Auftrag der Nasa. Im vergangenen Herbst erst hatte das europäische Pendant Esa Unternehmer eingeladen, Geräte für die automatische Wassererzeugung auf der Mondoberfläche zu entwerfen. Und Ende kommenden Jahres, zum 50. Jubiläum des Armstrongschen Fußabdrucks, will das Berliner Raumfahrt-Start-up PTScientist die erste von mehreren Sonden des Typs Alina auf den Mond bringen, von denen jede einen Knotenpunkt für ein mobiles Datennetz bilden soll. Nach Vorstellung der Berliner soll dieses Lunarnet kommenden kommerziellen Projekten als Kommunikationsplattform dienen.