Das Volk trennt weltmeisterfleißig seinen Müll. Legt müffelnde Verpackungsmülldepots in der Küche und im Keller an. Stellt das Zeug in hauchdünnen gelben Beuteln brav auf die Straße, wo Tiere, Leergutsammler und der Wind sie aufreißen. Und in der Recyclinganlage wird die Hälfte der "Wertstoffe" aussortiert. Zu viel Dreck, zu viel Materialmix, zu viele nicht sortenrein trennbare Kunststoffmischungen. Am Ende wird der halbe Gelbe Sack zusammen mit dem normalen Hausmüll verbrannt. Da fasst man sich an den Kopf. Außer man lebt im Hunsrück.

Hier, am Flughafen Hahn, residiert Hahn Kunststoffe, eine Firma, die aus Scheiße Gold macht. Genauer: Aus den eigentlich zur Verbrennung bestimmten "Sortierresten" vom Gelben Sack macht sie Kunstholz. Sehr erfolgreich.

Das riesige Firmengelände belegt einen Teil des Flughafens Hahn, bis zum Horizont stapeln sich Abertonnen von Pfosten, Platten, Profilbrettern, Möbeln, Pflanzenkübeln und Bohlen. 170 Tonnen Kunstholz – das Produkt heißt offiziell Hanit – stößt das Werk tagtäglich im Dreischichtbetrieb aus. Das macht im Jahr etwa 60.000 Tonnen recycelten Kunststoffmüll. Zum Vergleich: 450.000 Tonnen wiegen die pro Jahr in Deutschland verbrauchten Kunststoff-Einwegflaschen.

Am Anfang der Produktion ist da ein tennisplatzgroßes Dach, darunter auf Holzpaletten die mannshohen, verschnürten Bündel aus buntem Plastik. Es riecht scharf, chemisch, gammelig. Man erkennt Tierfuttertüten ("mit Meersalz"), Gouda-Verpackungen und Einkaufstüten von Rewe. Auch die Verpackungsverpackung ist dabei, die Gelben Säcke selbst. Meist handelt es sich um Polyolefine, aus denen 50 Prozent der Kunststoffe in Europa bestehen, etwa Polyethylen. Alles ehemaliges Erdöl. In gewaltigen Maschinen wird das Zeug zerrissen, getrocknet, mit Sieben oder Luftgebläsen sortiert – und schließlich rieselt aus einer gelochten Trommel ein dunkles Granulat. Sieht aus wie Kaninchenfutter, riecht nach warmem Hund. Ist schwarzes Gold.

Ist es auch grünes Gold? Wie die CO₂-Bilanz des Mischkunststoff-Recyclings ausfällt, weiß man noch nicht, sie wird gerade berechnet. Ein Kilogramm Hanit spart, wenn es neuen Kunststoff ersetzt, zwei bis drei Kilogramm Rohöl. Dafür darf es mit dem Umweltzeichen Blauer Engel werben. 82 bis 85 Prozent der Sortierreste werden genutzt. Der schlimme Rest – Hosen, Schuhe, Bananenschalen, Holz ... – geht aber in die Verbrennungsanlage.

Das vergleichsweise sympathische "Regranulat" wird nun in Extruder gefüllt, das sind Maschinen, die das Zeug unter hohem Druck in Formen pressen. Dabei verflüssigt sich das Granulat. Abgekühlt hat es die vorgesehene Form angenommen: Pfosten, Brett, Wand, Kantholz, Teichbegrenzung, Planke, Poller, Kanaldeckel. Oder Elemente eines Kabelkanals. Die sind für Riad. In der saudischen Hauptstadt wird gerade eine vollautomatische U-Bahn gebaut. 2021 soll sie eröffnet werden. Aus Hahn kommen die Hochspannungskabelkanäle.

Fertigteile aus Hanit sind fast so dicht und schwer wie das tropische Hartholz Bongossi und deutlich teurer als gängiges Baumarktholz. Die Niederländer bestellen für die Uferbefestigung von Kanälen gern Hybridmaterial aus Holz und Hanit. Letzteres für den Bereich mit Wellenschlag. Denn hier fault Holz am schnellsten, dort, wo Wasser schwappt und Sauerstoff anwesend ist. Hanit fault nicht. Eben darum wollte die Firma der Stadt Venedig anbieten, sich um die vergammelten Holzpfähle zu kümmern, auf denen die Häuser der Stadt ruhen. Marco Bräuß, einer der beiden Geschäftsführer, zuckt die Schultern: "Die italienische Holzmafia", seufzt er.