Man kann das Leben natürlich einfach sinnlos finden. Kann sagen, dass wir uns die eigene Existenz immer nur schönreden, weil wir den Gedanken an unsere Sterblichkeit nicht ertragen. Und hätte damit eine Haltung formuliert, die logisch durchaus begründbar ist.

Bloß: Mit Logik ist der Frage nach dem Sinn nicht beizukommen. Ob es einen Sinn des Lebens gibt (und falls ja, welchen), ist kein Problem, das sich objektiv lösen ließe. Denn Sinn wird individuell erlebt, nicht intellektuell erfasst. Entweder unser Tun fühlt sich sinnvoll an – oder nicht. Wer sein Leben als sinnvoll erlebt, hat logisch ebenso "recht" wie jene, die ihres als sinnlos erachten.

Was sich allerdings objektiv festhalten lässt, ist die Tatsache, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie der Autorin Antje Joel, die kürzlich in der ZEIT (Nr. 52/18) von ihrem Gefühl der Sinnlosigkeit erzählte. Immer habe sie darauf gewartet, dass endlich das Leben beginnen würde, bis sie "so eine Ahnung bekam: Viel mehr würde nicht passieren. Viel mehr ist nicht vorgesehen. Verflucht."

Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. Rund ein Drittel der Bevölkerung vermag in seinem Dasein keinen tieferen Sinn zu entdecken, wie eine Untersuchung der Psychologin Tatjana Schnell zeigt. Besonders ausgeprägt ist die Ratlosigkeit unter jungen Menschen: Fast 50 Prozent von ihnen geben an, ihr Leben nicht als sinnvoll zu erfahren. Anders als Joel, die mit der Sinnlosigkeit zumindest ringt, sagen allerdings viele von ihnen, die Frage nach dem Sinn sei ihnen weitgehend egal.

"Existenziell indifferent" nennt Tatjana Schnell diese Gruppe von Menschen. Kennzeichnend für sie sei das Gefühl, wenig Kontrolle über das eigene Leben zu haben. Zugleich zeigten sie wenig Engagement, weder für ihre eigenen Belange noch für die der anderen. "Ihr Leben bleibt mehr an der Oberfläche", sagt Schnell, "manche wissen gar nicht mehr, was Sinn überhaupt ist."

Die Forscherin der Universität Innsbruck ist eine der wenigen, die dem modernen Sinnempfinden empirisch auf den Grund gehen. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass nur wenige wirklich unter der Sinnleere leiden – auch wenn deren Zahl steigt. Derzeit zeigen elf Prozent der Befragten Symptome einer echten "Sinnkrise" wie Depression, Ängstlichkeit oder Suizidgedanken. Die meisten existenziell Indifferenten jedoch, sagt Schnell, lebten mehr oder minder vor sich hin, ohne sich über ihr Sinndefizit einen Kopf zu machen oder psychisch darunter zu leiden.

Dem hätte Viktor Frankl, der 1997 verstorbene Begründer der modernen Sinnforschung, vermutlich vehement widersprochen. Für den österreichischen Neurologen und Psychiater, der mehrere Jahre im Konzentrationslager zubringen musste, war die Sinnerfahrung von existenzieller Wichtigkeit. Im KZ etwa hätten nur jene überlebt, die sich einen Lebensinhalt bewahren konnten. Abgesehen davon habe die Sinnleere auch gesellschaftlich brisante Folgen: Wer im eigenen Leben ein "existenzielles Vakuum" spüre, schrieb Frankl, tue entweder, "was die anderen tun – und da haben wir den Konformismus –, oder aber er tut nur, was die anderen von ihm wollen, und da haben wir den Totalitarismus."

Ähnlich argumentiert der heutige Leiter des Wiener Viktor-Frankl-Instituts, der Psychologe und Philosoph Alexander Batthyány. "Existenziell entwurzelte und verunsicherte Menschen sind politisch verführbarer", sagt Batthyány. Für ihn ist es kein Zufall, dass wir in einer Zeit "eines immer stärker um sich greifenden Resignationsgefühls zugleich ein erneutes Erstarken populistischer Protestbewegungen" erleben, "die mehr von Wut und Ablehnung als von Hoffnung und Aufbruch geprägt" seien. In dieser Wut komme auch der Frust darüber zum Ausdruck, dass viele ihr Leben als sinnentleert empfinden.

Die Frage ist nur: Wie findet man das wertvolle Gefühl eines persönlichen Sinns? Schließlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten, darauf zu antworten. In ihrem Buch Psychologie des Lebenssinns listet Tatjana Schnell 26 "sinngebende Lebensbedeutungen" in fünf verschiedenen "Sinndimensionen" auf. Diese reichen von den Sinnelementen Vernunft, Moral oder Tradition (Dimension "Ordnung") über Liebe, Gemeinschaft und Fürsorge (Dimension "Wir und Wohlgefühl") bis hin zu klassischen Sinngebern wie Religion, Spiritualität, Selbsterkenntnis oder Naturverbundenheit.