In diesem Jahr hat sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal gejährt, und damit das Ende des Osmanischen Reiches und des zaristischen Russlands. 1918 war auch das Jahr, in dem Syrien zum ersten Mal in seinen heutigen Grenzen in Erscheinung trat. In diesem Land wütet seit bald acht Jahren ein Krieg. Auch dieser Krieg ist ein erster, und auch er ist global. Er markiert einen Epochenumbruch.

Ich nenne das, was in meinem Heimatland geschieht, eine "Kriegswelt": Nirgendwo sonst treffen heute so viele Mächte aufeinander wie in Syrien. Vier UN-Sicherheitsratsmitglieder haben sich militärisch in unterschiedlicher Intensität am Krieg beteiligt: die USA, Russland, Frankreich und Großbritannien. Zwei Regionalmächte – der Iran und die Türkei – haben Truppen in Syrien, und Israel fliegt regelmäßig Luftangriffe. Hinzu kommen zahlreiche dschihadistische Milizen.

93 Monate sind seit dem Beginn des zunächst friedlichen Aufstands gegen die Diktatur vergangen, auf den ich immer gehofft, den ich aber kaum für möglich gehalten hatte. Ich habe den Aufstand zu Beginn als Befreiung empfunden. Doch heute bin ich voller Trauer und Wut. Dass das Regime seine Gegner gnadenlos verfolgen würde, war abzusehen. Dass der Westen die freiheitlichen Kräfte so im Stich lassen und seine eigene Gestaltungsmacht so einfach aufgeben würde, war es nicht.

Nun ist die weit verbreitete Behauptung, der Westen habe sich in Syrien "herausgehalten", falsch. Westliche Armeen sind im Land. Nur haben sie eben nicht die Zivilbevölkerung vor dem völkermörderischen Regime geschützt, sondern sich einmal mehr dem "Kampf gegen den Terror" verschrieben. Das ist nicht nur unethisch, sondern auch sicherheitspolitisch kurzsichtig.

Nichts verdeutlicht das besser als Donald Trumps Entscheidung, die US-Truppen aus Syrien im Handstreich abzuziehen. Denn nun wird sichtbar werden, was von diesem Einsatz bleibt. Es war aus meiner Sicht richtig, dass die westliche Allianz unter Führung der USA einschritt, um den sogenannten Islamischen Staat zu bekämpfen. Nur beruhte ihr Vorgehen von vornherein auf dem falschen Glauben, der IS wäre mit militärischen Mitteln allein zu besiegen. Es wurde den Terroristen ihr Territorium genommen, doch der Nährboden, auf dem ihr radikaler Nihilismus erst gedeihen konnte, die Brutalität des syrischen Staates, blieb unangetastet. Wenn die Soldaten abgezogen werden, kann der Extremismus schnell wieder erstarken. Die USA wiederholen einen alten Fehler westlicher Nahostpolitik: Sie verraten ihre Verbündeten, in diesem Fall die kurdischen Kämpfer. Damit spielen sie Assad in die Hände. Eine neue Katastrophe ist vorprogrammiert.

Das Assad-Regime, das nicht vor dem Einsatz von Giftgas und Fassbomben zurückschreckte, das die Gefängnisse des Landes zu einer Mordindustrie ausgebaut hat und für den Tod von mehr als 560.000 Syrern verantwortlich ist, sitzt fester im Sattel als vor dem Krieg. Wir Syrer können nicht mehr damit rechnen, dass es in absehbarer Zeit einen Übergang geben wird, der mehr politische Teilhabe für alle Bürger und die juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen bringt. Wenn die USA nun ihre kurdischen Verbündeten fallen lassen, dann werden auch im kurdisch-dominierten Norden Syriens alle Hoffnungen auf Selbstbestimmung begraben werden müssen.