Das ist nicht unbedingt Ausdruck böser Absichten. Vielmehr hält man in Europa das, was sich Staat nennt, eben für etwas, das dem eigenen Gemeinwesen ähnelt. Es kommt kaum jemandem im Westen in den Sinn, dass es sich dabei auch um das Privateigentum einer mafiösen Familie handeln kann, wie es in Syrien der Fall ist.

Zu den für die Welt folgenschwersten Aspekten dieses Krieges gehört, dass der bis vor Kurzem zuständige Sondergesandte der Vereinten Nationen, Staffan de Mistura, sich dieser Lehre unterwarf. Anstatt die Schuldigen klar zu benennen und auf Gerechtigkeit zu bestehen, hat er den Konflikt durch die Art seiner Verhandlungsführung entpolitisiert. Am Verhandlungstisch sitzen seit Langem nur noch Vertreter des Regimes und solche Teile der Opposition, die mit den ursprünglichen Zielen des Aufstands nichts mehr zu tun haben. Vom Kampf für Rechte und Demokratie ist keine Rede mehr.

Während die mächtigsten Staaten der Welt sich in den Krieg eingemischt haben und die Syrer in alle Welt verstreut worden sind, während aufgedeckt worden ist, dass das Regime Krematorien neben seinen Gefängnissen hat errichten lassen, während also die politischen und moralischen Implikationen für die internationale Gemeinschaft immer größer geworden sind, ist der weltweite Diskurs über Syrien zunehmend verengt worden. Syrien wird als Sonderfall betrachtet, nicht als Symptom für den internationalen Verfall philosophisch-moralischer Standards.

Seit 2011 sind im Nahen Osten die letzten "roten Linien" überschritten worden, auf die sich die Weltgemeinschaft verständigt hatte, Normen wie etwa das Verbot chemischer Kampfstoffe. Im Westen wird verdrängt, dass das Geschehen in Syrien nicht allein auf innersyrische Konflikte zurückgeht, sondern Ausfluss globaler Politik ist – und dass es auch globale Auswirkungen hat.

Kaum zwei Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg folgte diesem ein zweiter, noch schlimmerer Krieg. Nach diesem ungeheuren, globalen Krieg in Syrien, ist es da nicht wahrscheinlich, dass wir eine zweite, noch schlimmere "Kriegswelt" erleben werden? Es reicht ein Blick in die anderen Staaten in der Region, allen voran Ägypten, um zu sehen, dass die Regime sich gegen das Aufbegehren ihrer unterdrückten Bevölkerungen schon rüsten. Und solange in den USA ein korrupter Präsident regiert und in Russland ein Kriegsverbrecher, solange die Demokratie in der Vertrauenskrise steckt, so lange kann die Recht- und Straflosigkeit des Falls Syrien sich jederzeit auch in andere Teile der Welt ausbreiten.

Aus dem Arabischen von Günther Orth

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