"Wir wollen anonym bleiben" – die Band The Screenshots © Susi Bumms

Der aufregendste deutschsprachige Gitarrenrock der Stunde kommt von drei Musikern aus der Nähe von Krefeld. Ihre Pseudonyme heißen Kurt Prödel, Susi Bumms und Dax Werner, alle drei sind vor allem als Twitter-Poeten bekannt geworden. Als Gruppe nennen sie sich nun The Screenshots. Ihre ersten beiden Platten ("Ein starkes Team", "Der Übergriff") waren bisher nur als Downloads erhältlich, auf dem Berliner Staatsakt-Label sind sie jetzt auch als Vinyl-LPs veröffentlicht worden. Das Gespräch möchte das Trio unbedingt im Hard Rock Café am Berliner Kurfürstendamm führen. Während wir reden, läuft im Hintergrund scheußlicher Powerpop der Achtzigerjahre.

DIE ZEIT: Ihre neue Platte trägt den melancholischen Titel Europa. Ist Europa für Sie ein universelles Symbol des Scheiterns?

Susi Bumms: Wichtig ist, dass die Platte Europa LP heißt.

ZEIT: Warum ist das wichtig?

Bumms: Weil es das Format betont.

Dax Werner: Und weil es ja nicht selbstverständlich ist, dass man heutzutage eine Vinyl-LP herausbringt. Die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, was das ist.

Kurt Prödel: Von uns aus der Band hat keiner einen Plattenspieler.

ZEIT: Warum haben Sie dann überhaupt eine Vinyl-LP aufgenommen?

Werner: Weil es schön ist, mal so was in der Hand zu haben.

Bumms: Ich fand es toll, dass ich das Cover gestalten konnte.

Prödel: Antizyklisches Produzieren.

ZEIT: Aber hätten Sie dann nicht eine Musikkassette aufnehmen müssen? Der Trend geht jetzt wieder zu Tapes.

Werner: Musikkassetten: absolut. Uns ist jedes Medium recht außer der CD.

Bumms: Ich hätte auch eine CD aufgenommen.

Werner: Mit dieser Meinung stehst du allein.

Prödel: CDs kann man in fünf Jahren wieder machen. Im Plastik-Jewel-Case, wo dann gleich beim ersten Öffnen die Nupsis rausbrechen.

ZEIT: Noch einmal: Warum Europa LP?

Werner: Weil wir es so toll fanden, eine LP herauszubringen und Europa zurzeit so negativ konnotiert ist. Wir wollten etwas Tolles mit etwas Negativem benennen ...

Prödel: ... und auf diese Weise auch Europa als positiven Begriff wiederbeleben. Als Utopie.

ZEIT: Als Künstler aber wollen Sie nicht greifbar werden. Warum lassen Sie sich mit Pseudonymen anreden und zeigen Ihre Gesichter nicht?

Werner: Wenn man etwas Schlaues sagen wollte, dann vielleicht: Auf der Platte geht es nicht nur um Europa, sondern es geht auch um Identität.

Bumms: Aber wir wollen nichts Schlaues sagen.

ZEIT: Dafür twittern Sie wie wild. Leute, die gerne twittern, hören aber meistens eher Hip-Hop, Trap, Footwork, Kuduro oder Deep House. Sie hingegen spielen Gitarrenrock.

Bumms: Ich hatte noch eine Bassgitarre zu Hause.

Werner: Rockmusik ist so total eingeschlafen, dass wir dachten, gerade deswegen wäre es mal wieder interessant, welche zu machen. Wir wollten in der Gruppe musizieren und mit physischen Instrumenten. Da geht es um Energie und das Zusammensein ...

Prödel: ... und um die Geschwindigkeit! Für Europa LP haben wir uns nur fünfmal getroffen.

ZEIT: Sie twittern viel, da muss es auch schnell gehen. Warum haben Sie so viele Rechtschreib- und Grammatikfehler in Ihren Tweets?

Prödel: Es geht um Fun, Fun, Fun.

Werner: Um Fun und Schnelligkeit.

ZEIT: Schreibt man schneller, wenn man sich falsche Schreibweisen ausdenkt?

Prödel: Nein, in Wirklichkeit ist es ziemlich anstrengend. Vor allem wegen der Autokorrektur. Das Vorbild für diesen Stil ist Boris Becker – mit diesen unglaublich unlesbaren Tweets, die er um 2010 absetzte, damals noch mit seinem Blackberry, als erster Promi bei Twitter.

Bumms: Es ist aber schon mehr dran am Spiel mit der falschen Orthografie. Es geht darum, nicht zu liefern, nicht mitzumachen, es geht um eine Verweigerungshaltung.

ZEIT: Also um Kritik an der Gesellschaft?

Werner: Ich würde ganz klar Nein sagen.

Prödel: Ich auch. Nein.

Werner: Wer Kritik übt, ist immer schon Teil des Kritisierten.

ZEIT: Werden Sie als Band Konzerte geben?

Werner: Würden wir gerne. Aber wir wollen ja anonym bleiben.

Bumms: Das ist ein Problem.

ZEIT: Wäre das so schlimm, wenn Sie Ihre echten Identitäten zeigten?

Werner: Wir sind Susi, Kurt und Dax, und es wäre vermessen, zu glauben, dass sich jemand dafür interessiert, wer wir wirklich sind.

Prödel: Und die Leute, die sich dafür interessieren, die interessieren uns nicht. Wir sind neulich zum ersten und letzten Mal vor Publikum aufgetreten, das war ein wirklich tolles Gefühl. Eigentlich wollen wir total gerne spielen.

Werner: Aber wie? Verkleidungen kommen nicht infrage, Roboter und Hologramme auch nicht. Also lassen wir es halt mit den Konzerten.