Ein geköpftes Huhn fliegt noch einmal übers Scheunendach, bevor es sich ausgeflattert hat, sagt eine alte Bauernweisheit. Die Protestbewegung gegen die Bildung von Großpfarreien im Bistum Trier ist vielleicht das letzte Aufbegehren der Volkskirche gegen ihren eigenen Tod. Der Zorn derer, die um jeden Preis ihre Kirche im Dorf lassen wollen, schwillt immer mehr an und griff schon auf Luxemburg über. Sprachrohr des gemeinsamen Protests ist die "Initiative Kirchengemeinde vor Ort", ihr Sprecher der Saarbrücker Harald Cronauer, einstiger FDP-Spitzenmann und ehemaliger Justiziar bei den Dillinger Hüttenwerken. 2006 gründete Cronauer die Stiftung "Dir hilft Christus", die in Afrika Sozialprojekte fördert. Doch im Saarland verlässt sich Cronauer lieber auf irdischen Widerstand statt auf himmlischen Beistand: Nach einer Demonstration mit rund 1500 Menschen vor dem Trierer Dom im Oktober verkündete er: "Wir machen weiter."

Während sich Bischof Kohlgraf im benachbarten Bistum Mainz mit der Umstrukturierung seiner Pfarreien bis 2030 Zeit lässt, drängt sein Amtsbruder Ackermann voran: Ab 2020 soll es dort nur noch 35 Pfarreien geben, bislang war das kirchliche Leben in 887 kleinen Pfarreien organisiert, die zu 172 Pfarrgemeinschaften zusammengefasst sind. Sozialverträglicher wäre es, wenn man sich mit der Umsetzung Zeit ließe, sagt Michael Merten, Kirchenkorrespondent der Katholischen Nachrichten-Agentur, der die Proteste seit ihren Anfängen analysiert. Gerade die älteren Leute, auch seine Mutter, verkrafteten die Umstrukturierung nicht. "Erst die Sparkasse, dann der Lebensmittelladen und nun die Kirche" – hier geht es um Verlust von Heimat. Bischof Ackermann berief von 2013 bis 2016 eine Synode zur Strukturreform ein. Dahinter stand die Frage, welches Modell von Kirche Zukunft haben kann. "Das Trierer Bistum schafft erst einmal rigoros neue Strukturen, die sich durch die Mitgestaltung möglichst vieler lebendiger Gruppen wie der Saarbrücker Jugendgemeinde später mit Inhalt füllen sollen", sagt Merten. "Das wird kritisiert, könnte aber auch als vorausschauend realitätsnah bewertet werden."

Denn eines ist klar: Die Kirche auf dem Lande wird es bald in dieser alten Form nicht mehr geben. Noch fürchten Pfarrverwaltungsräte, dass das Geld, das sie mit einem geordneten Finanzhaushalt erspart haben, für die Sanierung des Kirchendaches im Nachbarort umverteilt wird. Hier geht es um angestammte Rechte, Ämter, Pfründen und Prestige. Hier geht es um Heimat als geschlossenes System gegen eine zugige Welt. Inzwischen gab es schon Demonstrationen und Mahnwachen in Trier und Interventionen von Politikern im Saarland. Die Ansage, dass in Saarbrücken die bundesweit größte Gemeinde mit fast 98.900 Katholiken entstehen soll, rief den Ministerpräsidenten Tobias Hans auf den Plan, der die Reform kritisierte. Cronacher weiß ihn auf seiner Seite. Sie wollen zum Vatikan gehen. Aber der kann dem Huhn auch nicht mehr den Kopf drankleben.

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