Meistens, wenn es um Ungarn geht, fallen folgende Begriffe: Regime, Rechtsruck, Repressionen, manchmal sogar das Wort Diktatur. Die Berichterstattung über das EU-Land und vor allem seine Fidesz-Regierung ist sehr auf das Negative, das Besorgniserregende fokussiert. Das ist verständlich. Missstände müssen benannt werden. Und Missstände gibt es viele im Land Viktor Orbáns. Insbesondere dort, wo die Regierung versucht, den Rechtsstaat abzubauen. Dennoch entsteht durch diese Fokussierung das Problem, dass man von der Ferne aus nicht mehr das Hoffnungsvolle sieht. Im ungarischen Fall schien das Licht zeitweise ganz ausgegangen zu sein.

Seit Mitte Dezember aber gehen Zehntausende Menschen in Budapest und anderen Städten des Landes weitestgehend friedlich auf die Straße. Sie demonstrieren gegen ein neues Arbeitszeitgesetz, das von Orbán durch das Parlament gedrückt und am 12. Dezember verabschiedet wurde. Die Reform erlaubt Unternehmen, ihre Angestellten bis zu 400 Überstunden pro Jahr arbeiten zu lassen. Bis vor Kurzem lag die Obergrenze für die Mehrarbeit bei 250 Überstunden pro Jahr. Der ungarische Außenminister Péter Szijjárto erklärte bei einem Besuch im November in Düsseldorf, dass die Superflexibilisierung des ungarischen Arbeitsmarkts vor allem im Sinne von deutschen Investoren umgesetzt werde. Tatsächlich profitieren deutsche Unternehmen wie BMW, Daimler oder Volkswagen. Sie lassen in Ungarn billig produzieren. Laut ungarischen Medienberichten will der Konsumgütergigant Henkel seine Mitarbeiter bis zu 68 Stunden pro Woche arbeiten lassen. Nur eine Gruppe wird dabei benachteiligt: Die Arbeitnehmer.

Viele von ihnen sind so empört, dass sie Schilder bemalt haben und sich damit vor die Staatsmacht stellen. Die Regierung fährt im Gegenzug alles auf, was die Polizei zu bieten hat: Hundertschaften, Helikopter, gepanzerte Fahrzeuge. Einige Demonstranten mussten viel Pfefferspray einatmen, manche wurden von Polizisten attackiert. In den ungarischen Staatsmedien werden Oppositionelle als Verräter dargestellt.

Dabei kann man gar nicht von einem einheitlichen Block sprechen. Diese Opposition ist bunt. Unter den Demonstranten finden sich Menschen von ganz rechts außen bis ganz links. Von Ultrapatrioten bis zu Regenbogen-Aktivisten sind alle politischen Farben gegen die regierende Fidesz auf der Straße vertreten.

Auch einige problematische Rechtsextreme haben sich unter die Demonstranten gemischt, ähnlich wie es bei den Protesten der Gelbwesten in Frankreich der Fall ist. Hier wie dort entzündet sich der Zorn der Menge an einer sozialen Frage.

Fast könnte man übersehen: Die zielstrebige Protestkultur, die ja schon hinter dem Eisernen Vorhang sehr ausgeprägt war, ist in Ungarn nie ganz verschwunden. Die Fidesz-Machthaber von heute waren es, die in den späten Achtzigerjahren gegen die kommunistische Diktatur aufbegehrten. Nun sind sie es, die mit ihrer fragwürdigen Politik Widerstand erzeugen – und das nicht zum ersten Mal. Eine geplante Internetsteuer trieb schon im Jahr 2014 Hunderttausende auf die zentralen Plätze ungarischer Städte. Die Besteuerung des Internets ließ Viktor Orbán damals auf Druck der Demonstranten fallen.

Die sozialen Proteste von heute sind dennoch alles andere als selbstverständlich, denn die Repression ist in den vergangenen drei Jahren in Ungarn noch krasser geworden. Egal, wer seine Stimme erhebt: Es wird von der Regierung so dargestellt, dass Kritik ein Verrat am Vaterland sei, dass sie im Auftrag von "Brüssel" geschieht, unterstützt vom jüdisch-ungarisch-amerikanischen Milliardär George Soros und natürlich mit dem Ziel, "Migration zu fördern". Die Menschen, die aktuell dieser Diffamierung und Einschüchterung trotzen, riskieren viel – für die Demokratie.

Deswegen ist es wichtig, hinzuschauen und festzustellen: Ungarn ist mehr als seine autoritäre Regierung. Ungarn hat eine kämpferische Opposition. Wer das übersieht oder gar vergisst, tut Viktor Orbán einen großen Gefallen.