So war das nicht geplant: Wie ein Buch das große Jubiläum der Universität Erlangen-Nürnberg verdirbt

Man kennt das von Weihnachten. Kommt der alte Onkel vorbei, mit Geschenk unterm Arm, glitzernd verpackt. Die Erwartung ist groß, doch auch die Furcht: Irgendeine Hässlichkeit könnte aus dem Karton springen, die man nicht will und die fortan im Wohnzimmer herumsteht wie ein Mahnmal familiärer Missverständnisse.

Auch der Historiker Gregor Schöllgen hat gerade ein Geschenk überreicht, und zwar der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Ein Buch. Gülden schimmernd der Umschlag, darauf das Wappen der Universität. Wissen in Bewegung heißt die Schrift. Feierlich überreicht wurde sie zum 275. Jubiläum der Universität.

Vor zwei Jahren hatte die Partyplanung angefangen. Die Universität würde ihr Gründungsjahr feiern, das Jahr 1743. Gregor Schöllgen, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an ebendieser Universität, gerade frisch im Ruhestand, hatte Schreiblust und eine Idee: Eine Würdigung der Universität wollte er verfassen. Keine lobhudelnde Festschrift, keine Auftragsarbeit von oben. Wohl und Wehe seiner Institution wollte er erzählen, die Biografie einer der ältesten und größten Hochschulen des Landes.

Der Präsident der Universität, der Informatiker Joachim Hornegger, war angetan. Schöllgen ist kein Irgendwer. Er hat über die deutsche Außenpolitik gearbeitet, ist Biograf von Willy Brandt und von Gerhard Schröder, ein Buch, das bei Erscheinen die Kanzlerin höchstpersönlich vorstellte. Ein Historiker, der im Fach selbst umstritten ist, der eines aber beherrscht: die große Bühne zu bespielen.

Geisteswissenschaften, so sagte Schöllgen 2007 in einem Vortrag, hätten heute "Dienstleister" zu sein: Ist die Welt in Aufruhr und die Gegenwart in der Krise, dann dienten die Denker mit Sinn, mit Kontext, mit Vertiefung. "Niemand ist ohne Geschichte. Wir kapitalisieren diese Geschichte", sagte Schöllgen damals.

Verlockend, eine Universität von so einem ins Scheinwerferlicht gerückt zu wissen, mit einem Buch, das in einem großen Verlag erscheinen würde, das man in englischer Übersetzung an Kooperationspartner auf der ganzen Welt verschicken könnte. Das Geld, 150.000 Euro für Druck- und Übersetzungskosten – ein Honorar gab es nicht –, kam von der Schöller-Stiftung in Nürnberg, die Gregor Schöllgen bereits in der Vergangenheit mit einer Unternehmensbiografie beauftragt hatte und die sich der Universität verbunden fühlt. Man gehört eben zueinander in Erlangen-Nürnberg. Der Deal war perfekt. Alle Seiten vereinbarten Unabhängigkeit: Schöller finanzierte, Schöllgen schrieb, die Universität ließ sich beschreiben.

Dann: die Jubiläumsfeier, das Buch, der Sekt. Und der Familienkrach. Mitsamt der Frage: Wie die Universität mit Kritik an sich selbst umzugehen habe.

Die Gabe nämlich war vergiftet. Jedenfalls für Schöllgens Nächste, die Kollegen seiner eigenen Fakultät. Während er die naturwissenschaftlichen, medizinischen und technischen Institute preist – "weltweit konkurrenzfähige Einrichtungen" –, beschreibt er die Germanisten und Theologinnen, die Soziologen und sonstigen Denkerinnen in scharfen Worten. Man habe einen "Hang zum Mittelmaß", befinde sich seit Langem im "Abstieg". Schöllgen kompromittiert einzelne Personen (nicht namentlich, aber leicht entschlüsselbar) und verfemt ganze Fächer als bedeutungslos, leidenschaftslos, erfolglos. Die Philosophische Fakultät sei geradezu ein "Monstrum" – Auswuchs eines "Fabrikbetriebs", der modernen Massenuniversität.

Das Buch will viel. Es will, zuerst, die Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg erzählen, einer akademischen Institution, die wie kaum eine andere in Deutschland enorme Wachstumsschmerzen verkraften musste; mehrere externe Institutionen hat sie sich einverleibt, die Pädagogischen Hochschulen aus Nürnberg und Bayreuth etwa. Ihre Studierendenzahl hat sich sprunghaft vervielfacht, auf heute 40.000.