Über das, was in einer dieser warmen Frühsommernächte an einem See in der Lausitz passiert, wird es später kontroverse Ansichten geben. Der Landrat von Bautzen wird von einer "öffentlichen Hinrichtung" sprechen, der Staatsanwalt in Görlitz wird aus ermittlungstaktischen Gründen schweigen, und der Bürgermeister des sächsischen Städtchens Radibor wird "einen neuen militanten Zustand" feststellen. Wie alle Kriege ist auch dieser Krieg auf Interpretationen angewiesen, und so mischen sich Wahrheit und Unwahrheit auf unergründliche Weise. Waren es die Sorben?

Die Ermittlerin Anke Stroh © Thomas Victor für DIE ZEIT

Anfang Juni dieses Jahres, so viel steht fest, nähern sich unbekannte Täter Mortka, einem Straßendorf in der Lausitz mit 178 Bewohnern. Einige von ihnen, Angehörige einer slawischen Minderheit, sprechen noch heute Sorbisch. Mortkow heißt dieses Dorf in ihrer Sprache, was so viel bedeutet wie "Ort im sterbenden Wald". Daneben liegt ein kleiner See, das sogenannte Restloch, übrig geblieben aus der Zeit, als in dieser Gegend noch Braunkohle abgebaut wurde.

Im Morgengrauen des 10. Juni entdecken Spaziergänger, dass im Restloch eine Wasserleiche treibt, ein aufgedunsener Körper, völlig entstellt. Ein Mensch? Nein, an der Leiche haften noch Reste von Fell. Polizisten, die den Kadaver bergen, stecken ihn in einen Leichensack und schicken ihn zur Pathologin des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, wo der Körper in einen Computertomografen geschoben wird. Dann steht fest: Es ist ein Wolf, eine Tierart, die durch mehrere Gesetze streng geschützt ist. Der Körper des etwa einjährigen Wolfes wurde von Schrotkörnern durchsiebt, 40-fach, 80-fach, auch darüber gehen die Meinungen auseinander. Er muss aus nächster Nähe erschossen worden sein, sonst hätte ihn so viel Schrot nicht erwischt. Um den Bauch des Wolfes hatten die Täter einen Strick geschlungen, an den sie einen Betonklotz banden, bevor sie das Tier im See versenkten. Ein Verbrechen wie in einem Mafiafilm. Deswegen bekommt das Tier nun den Namen "Mafia-Wolf".

Sollte diese Tat wirklich unentdeckt bleiben? Die Leiche trieb nach wenigen Tagen auf, weil sich im verfaulenden Körper Gase gebildet hatten. Das hätten die Täter wissen können. Sie entschieden sich für ein flaches Gewässer, statt das Tier im Wald zu verscharren. Ging es ihnen um Aufmerksamkeit, um ein öffentliches Zeichen?

Es gibt eine Expertin, die es wissen könnte, aber nichts verrät. Noch laufen die Ermittlungen, der Fall "Mafia-Wolf" ist nicht abgeschlossen. "Ein Kavaliersdelikt ist das nicht", sagt Anke Stroh. Eine Polizistin wie sie gibt es kein zweites Mal in Deutschland. Beim Landeskriminalamt (LKA) in Dresden beschäftigt sich die 48-Jährige mit den illegalen Tötungen von Wölfen. Sie nennt sich Sachbearbeiterin im Dezernat für Korruption und Sonderfälle, aber Anke Stroh ist so etwas wie die Soko Wolf. Seit sich im Jahr 2000 das erste Wolfsrudel wieder ansiedelte, sind bundesweit rund 280 Wölfe zu Tode gekommen, die meisten von ihnen bei Verkehrsunfällen. 35 Tiere wurden von Menschen umgebracht.

Zwei Wölfe wurden in Brandenburg enthauptet, die Leiche des einen Tieres wurde unter ein Naturschutzschild gelegt. Geköpft wurde noch ein anderer Wolf, am Ostufer der Neiße, in Polen. "Die Kadaver liegen dann da wie auf einem Präsentierteller", sagt Anke Stroh. Offenbar wollen die Täter eine Botschaft absetzen: Wenn der Staat uns nicht vor Gefahren schützt, dann zeigen wir diesem Staat unseren Hass. Vertreibt die Wölfe, sonst töten wir sie!

Geht es um Wölfe, dann geht es fast nie allein um Wölfe. Von Beginn an sind sie symbolisch überhöht worden, von ihren Beschützern und ihren Gegnern. Der Wolf im Tierpark ist ein Langweiler, der stumpf an einem Zaun entlangschnürt. Aber der frei lebende Wolf, der Schafe und Rehe reißt und sich manchmal Siedlungen nähert, ist ein dezisionistisches Wesen, ein Entweder-oder-Tier. Entweder du bist für ihn, oder du bist gegen ihn. Und wenn du für ihn sein solltest: Bist du dann einer dieser Wolfsversteher, einer dieser rot-grün versifften Großstadtromantiker, die ihren Caffè Latte in den hippen Bars von Hamburg, Berlin oder München trinken, sich flehentlich mit der Umwelt versöhnen wollen, sensibel zwischen Wölfinnen und Wölfen unterscheiden und mit jeder lausigen Fliege mehr Mitleid haben als mit den Opfern eines Gewaltverbrechens? Und wenn du gegen den Wolf sein solltest: Gehörst du dann zu diesem rechten Gesindel, das Schusswaffen ungleich stärker verehrt als die Instrumente der Demokratie, das in den Hinterzimmern verwahrloster Dorfkneipen gegen Raubtiere, Feministinnen und den Fluch der Moderne hetzt und das die Republik gegen Einwanderer abschotten will, gegen Flüchtlinge ebenso wie gegen Wölfe?

Der Wolf ist ein politisches Tier, politischer als jedes andere in Deutschland. Der Wolf stellt keine Fragen, aber er wird benutzt, um mit seiner Hilfe Menschen eine Frage zu stellen, eine ins Maßlose vergrößerte Frage: Wo stehst du?