Alexander Graf Lambsdorff

Alexander Graf Lambsdorff, 52, ist stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion © Hannibal Hanschke/​Reuters

Alles wird schlecht

Donald Trump liegt einbalsamiert in einem gläsernen Sarg auf der Mall in Washington, Schulklassen pilgern vorbei, um dem Begründer des Amerikanischen Reichs zu huldigen. In Wahrheit werden die USA nach ihrer Niederlage gegen China im dritten Korea-Krieg 2033 nur noch mit Mühe und Not zusammengehalten. Aufgrund der Trockenheit sind viele Landstriche kaum mehr bewohnbar, die Wasserreserven dort genauso erschöpft wie die finanziellen Möglichkeiten der Regierung, zu helfen. Wer noch Vermögen besitzt, hat sich in Manhattan verschanzt. Wanderarbeiter versuchen, sich als Tagelöhner durchzuschlagen. Die von Kanada 2039 errichtete Grenzmauer ist für Flüchtlinge aus dem Süden fast unüberwindbar.

Indien und Pakistan haben einen zunächst konventionellen Krieg geführt, aber als letztes Mittel dann doch Nuklearwaffen gegen Karatschi und Jodhpur eingesetzt. Millionen Menschen fliehen, manche nach Australien, vor allem aber versuchen sie, China zu erreichen. Doch China ist durch die Folgen der Ein-Kind-Politik überaltert und hat seine wirtschaftliche Dynamik nach dem Kollaps der Europäischen Union und der USA völlig verloren. Es gibt wieder Hunger, auch an der Küste.

Deutschland hat ein Sozialpunktesystem nach chinesischem Vorbild: Der Staat vergibt Punkte für Wohlverhalten. Dialyseplätze, Operationstermine und viele Sozialleistungen werden nach Punkten gewährt. Wer unter ein bestimmtes Punkteniveau sinkt, verliert auch das Wahlrecht. Im deutschen Präsidialsystem ist der Staatspräsident der stärkste Mann im Staat. Er hat das Recht, die Richterposten an allen Obersten Gerichten zu besetzen. Die Bevölkerung nimmt die Entmündigung hin, anders als in Frankreich lehnt sich niemand auf. Die Aktion für Deutschland regiert als Einheitsfrontpartei, alle anderen Parteien wurden in Listenverbindungen mit ihr gezwungen.

Die EU gibt es nicht mehr, auch nicht den Euro oder den Binnenmarkt. Hohe Zölle in Frankreich und Polen haben den deutschen Mittelstand ruiniert, die Börsen sind geschlossen, Menschen nehmen jede Arbeit an. Italien ist nach dem Anschluss des Piemont an Frankreich auf das Niveau eines Entwicklungslandes zurückgefallen. Viele Italiener versuchen, nach Österreich zu gelangen, woran sie mit Waffengewalt gehindert werden. Serbien, Mazedonien und Bulgarien haben sich zu einer autoritären christlich-slawischen Union unter Hegemonie des russischen Reiches zusammengeschlossen. LGBTI-Menschen aus ganz Osteuropa versuchen, sich nach Frankreich durchzuschlagen.

Alles wird gut

Die Europäische Union ist ein global geachteter Bundesstaat mit dynamischer Wirtschaft und niedriger Arbeitslosigkeit. Alle Nationalitäten pflegen ihre Muttersprache, untereinander aber verständigen sich die Bürger der EU auf "Euro-Englisch". Es erreicht nicht das Niveau von Shakespeare, ist jedoch gut genug, um auch subtile Ideen und Gefühle auszudrücken. Jugendliche verbringen ein bis zwei Jahre ihrer Ausbildung in einem anderen Land. Im Binnenmarkt ist es selbstverständlich, Konsumentscheidungen und politische Haltung zu verbinden: Man kann als Deutscher zum Beispiel bei den eigenen Stadtwerken anrufen und dort Solarstrom aus Spanien bestellen. Die Klimaerwärmung ist gestoppt – oder zum Erliegen gekommen, je nachdem, wie man die letzten Veränderungen der Sonnenflecken interpretiert.

Die Staaten Nordafrikas sind nach einem islamischen Reformationskonzil politisch stabil. Die enorme Nachfrage nach Solarstrom in Europa, China und den USA sorgt für Wohlstand und Beschäftigung. Das Cairo Institute of Technology ist weltweit führender Innovationstreiber bei Stromerzeugung, -speicherung und -transport.

Da Deutschland und Europa nach wie vor überaltert sind und nahezu alle Betriebe junge Fach- und Hilfskräfte brauchen, wurden legale Wege für Migranten geschaffen, um nach Europa zu kommen; niemand flüchtet mehr über das Mittelmeer. Die zahlreichen Folgekonferenzen zum UN-Migrationspakt haben Regeln geschaffen, nach denen Migration so gestaltet wird, dass wirtschaftliche Dynamik und soziokulturelle Balance in Ziel- und Herkunftsländern übereinstimmen.

Überall auf der Welt haben die Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In Indien ist in den Zentren so viel Wohlstand für den Rest des Landes entstanden, dass auch die Allerärmsten Anschluss an die Basisversorgung gefunden haben. In Lateinamerika musste die sozialistische Diktatur à la Chávez oder Morales den Ideen des demokratischen Verfassungsstaates weichen. Russland ist 2038 der Nato beigetreten. Die Idee der Northern hemispheric cooperation, enger politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit auf der nördlichen Halbkugel von Vancouver bis Wladiwostok, ist Wirklichkeit geworden. Es gibt keine Visumsbeschränkungen mehr, weder für die USA gegenüber Europa noch für Europa gegenüber Russland, noch für Russland gegenüber den USA.
Alexander Graf Lambsdorff, 52, ist stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion

Nach oben Link zum Beitrag

Beatrix von Storch

Alles wird schlecht

Die Europäische Union ist ein Zentralstaat geworden, Deutschland ist nur noch eine Region innerhalb Europas ohne wesentliche eigene Befugnisse. Das autoritäre europäische Regime versucht alles Nationale zurückzudrängen, auf offiziellen Veranstaltungen wird nicht mehr "Einigkeit und Recht und Freiheit" gesungen, sondern die sogenannte europäische Hymne.

Es hat eine unkontrollierte Masseneinwanderung stattgefunden, und der Islam hat sich in ganz Europa massiv ausgebreitet. Überall gibt es Scharia-Gerichte. In staatlichen Einrichtungen wie Schulen oder Kindergärten spielen christliche Traditionen wie Weihnachten oder Ostern keine Rolle. Kopftücher und Burkas sind im öffentlichen Raum normal, in manchen Gegenden verschleiern sich Frauen, die eigentlich christlichen Glaubens sind, weil sie sonst auf der Straße bepöbelt und angegriffen würden. Viele Deutsche fühlen sich fremd im eigenen Land.

Angst ist das vorherrschende Gefühl auf den Straßen. Kriminalität und mafiöse Strukturen haben massiv zugenommen. Nach 22 Uhr das Haus zu verlassen ist den meisten Menschen zu unsicher, in manchen Gegenden verhängt die Polizei Ausgangssperren, weil sie der Lage sonst nicht Herr werden würde. Das Schulsystem ist massiv überfordert, die deutschen Schulen produzieren in Massen Analphabeten, das Bildungsniveau sinkt. An den Schulen wird kein echtes Wissen mehr vermittelt, sondern irgendwelche diffusen sozialen Kompetenzen, staatliche Indoktrination und Gender-Ideologie.

Alles wird gut

Die politische Landschaft in Europa hat sich grundlegend verändert. Der Euro ist abgeschafft. Die EU hat sehr viel weniger Kompetenzen. Innenpolitik, Steuerpolitik, Finanzpolitik, Verbraucherschutz, Arbeitsrecht – aus alldem hält sich die EU raus. Öffentlich-rechtliches Fernsehen gibt es schon lange nicht mehr. Deutschland ist eine Demokratie inmitten von souveränen Nationalstaaten in Europa.

Es gibt kleinere Währungsunionen, zum Beispiel eine der Nordstaaten, also Deutschlands und der skandinavischen Länder, die Volkswirtschaften in diesen Unionen sind gleich stark.

Die Menschen dürfen sich so entwickeln, wie sie sind. Indoktrinierung an den Schulen, beispielsweise durch Gender-Mainstreaming-Vorgaben, gibt es nicht. Es gibt keinerlei Quoten, die Firmen vorschreiben, wen sie einstellen sollen, und auch in der Politik sind alle Quoten abgeschafft: Die Menschen dürfen wählen, wen sie wollen.

Deutschland entscheidet selbst, wer ins Land kommt, es gibt eine kontrollierte Einwanderung. Wer nicht hierbleiben darf, weil er beispielsweise eine Straftat begangen hat oder sich nicht in unser Wertesystem einfügen will, wird sofort und ohne viel Bürokratie abgeschoben – ohne die Möglichkeit der Wiederkehr. Wer auch nach vielen Jahren in Deutschland kein Deutsch spricht, hat sein Bleiberecht verwirkt und muss ebenfalls gehen. Im öffentlichen Raum ist das Tragen von Burkas oder Kopftüchern verboten.

Die Bürger haben viel Freiheit gewonnen. Beispielsweise wurde die Schulpflicht abgeschafft und durch eine Bildungspflicht ersetzt, Eltern haben das Recht, ihre Kinder selbst zu Hause zu unterrichten, der Staat prüft, ob das auch tatsächlich geschieht. Die repräsentative Demokratie wird um direktdemokratische Elemente ergänzt, so können die Bürger direkt Gesetze stoppen und eigene Gesetzesinitiativen starten. Steuern und Abgaben sind niedrig, die Währung ist stabil, der Staat gibt nicht mehr Geld aus, als er einnimmt. Die leitenden Werte der Gesellschaft sind Familiensinn und Eigenverantwortung. Die AfD hat schon vor Jahren einen Kanzler gestellt.
Beatrix von Storch, 47, ist stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion

Nach oben Link zum Beitrag

Armin Laschet

Alles wird schlecht

Europa ist gescheitert. Die EU hat sich aufgelöst, den Euro gibt es nicht mehr. Die Grenzen der Nationalstaaten sind hoch gesichert, von bewaffneten Drohnen überwacht. Künstliche Intelligenz entscheidet, wann geschossen wird und wann nicht. An den Grenzen in Europa gibt es wieder Tote.

Nationaler Egoismus grassiert. Die Länder schotten sich ab, manche sind von Bürgerkriegen tief gespalten. Uralte Konflikte sind wieder aufgeflammt, Österreich und Italien streiten vielleicht wieder um Südtirol. Die meisten Länder werden von radikalen, populistischen Parteien regiert.

Auch Zölle werden wieder erhoben, der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen gehört der Vergangenheit an. Deutschland hat die neue Ordnung Europas als Land in der Mitte besonders schwer getroffen. Die Wirtschaftskraft ist geschrumpft, die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Millionen Menschen leben in großer Armut. Vieles, was jahrzehntelang selbstverständlich war, etwa freies Reisen durch Europa, ist für die meisten Menschen unmöglich geworden.

Unabhängigen Journalismus gibt es nicht mehr, die Medien werden von autokratischen Regimen kontrolliert. Bürger und Konsumenten können kaum mehr erkennen, welche Nachrichten wahr sind und welche nicht, es gibt keine Möglichkeit, die Meldungen zu überprüfen. Der einzelne Bürger wird überwacht. Wer beispielsweise "Regimesturz" googelt, bekommt Besuch vom Staatsschutz.

Alles wird gut

In der Europäischen Union – die mittlerweile noch mehr Staaten umfasst – wird auf allen Gebieten zusammengearbeitet. Europa, das gesamteuropäische Interesse, das Gemeinsame stehen über nationalstaatlichen Einzelinteressen. Es gibt eine europäische Armee, ein europäisches Kriminalamt, einen europäischen Außengrenzschutz, einen europäischen Finanzminister. Alle großen Fragen werden europäisch und im Einvernehmen beraten und entschieden. Die Regionen um Europa herum haben im Rahmen einer Nachbarschaftspolitik vergleichbare Lebens-, Rechts- und Wirtschaftsstandards, auch wenn sie keine EU-Mitglieder sind. Zusammenarbeit findet auf allen Ebenen statt, besonders im Bereich Hochschule und Wissenschaft. Großbritannien hat inzwischen erkannt, dass der Austritt ein Fehler war, und ist wieder Mitglied der EU. Auch in der Schweiz und in Norwegen zahlt man mit dem Euro.

Die Bürger Europas haben einen europäischen Pass. Im Ausland stellt man sich als Europäer vor, trotzdem ist man stolz darauf, Rheinländer zu sein, Ostfriese oder Saarländer, Baske oder Katalane.
Armin Laschet, 57, CDU, ist Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen

Nach oben Link zum Beitrag

Doris Schröder-Köpf

Doris Schröder-Köpf, 55, SPD, ist niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe © Holger Hollemann/​dpa

Alles wird schlecht

Die Gesellschaft in Deutschland ist überaltert. Um die Geburtenrate zu erhöhen, hat der Bundestag Abtreibungen verboten. Jungen, gebärfähigen Frauen ist es nicht erlaubt, das Land zu verlassen. Sie dürfen also weder im Ausland studieren noch allein dort Urlaub machen. Auf dem Arbeitsmarkt werden Männer bevorzugt. Die Frau soll sich auf die Kinder konzentrieren.

Auf dem Land gibt es keine Arbeit mehr, keine Ärzte, keine Geschäfte. Auch noch die letzten jungen Menschen zieht es in die Städte. Die Älteren folgen ihnen. Die Metropolen sind hart umkämpfte Gebiete. Sogenannte "Bio-Deutsche" verlangen: "Lebensraum für Deutsche! Ausländer raus!" Mit Ausländern meinen sie auch Menschen, deren Vorfahren vor Generationen eingewandert sind.

"Bio-Deutsche" werden auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt, sie können sich höhere Mieten leisten. Wohnquartiere nach ethnischen und religiösen Herkünften sind entstanden. Viele Viertel werden von privaten Sicherheitskräften bewacht. In den ärmeren Gegenden organisieren sich Bewohner in Bürgerwehren. Nach Ausschreitungen mit Verletzten und sogar Toten haben die größten Städte einen segregierten öffentlichen Nahverkehr für "Bio-Deutsche", "Gäste" und "Andere" eingeführt.

Ausländische Fachkräfte und Nachkommen von früheren Zuwanderern haben Deutschland in Scharen verlassen. Die wichtigsten Unternehmen, die Deutschland einst zum Exportweltmeister machten, folgen dieser Elite der Arbeitskräfte. Die junge, bunte Gesellschaft Südafrikas zieht die jungen Europäer magisch an. 2068 hat die Region rund um den Tafelberg Berlin als Sehnsuchtsort für junge Menschen aus aller Welt schon lange abgelöst.

Alles wird gut

Deutschland ist weiterhin eines der größten Einwanderungsländer der Welt. Wenn durch Kriege, Naturkatastrophen oder klimatische Verwerfungen Bevölkerungsgruppen in Not geraten, nimmt Deutschland kontingentweise Menschen auf. Zusätzlich gibt es seit 2020 eine gesetzlich gesteuerte Einwanderung, die vorsieht, dass jede Fachkraft auch ihre Familie mitbringen kann. So hat man der Überalterung der Gesellschaft erfolgreich entgegengewirkt.

Die EU ist gestärkt aus der Krise der 2020er-Jahre hervorgegangen und darf inzwischen auch mit Geld die Ansiedlung von Migrantinnen und Migranten unterstützen. Außerdem bringt jeder Geflüchtete EU-Förderung in die Region mit, die ihn aufnimmt. Die Mittel gehen direkt in die Gemeindekasse. Das Wort Landflucht kennt niemand mehr.

In Kleinzentren teilen sich viele Religionsgemeinschaften Gotteshäuser, vor allem Christen und Muslime, weil die Zahl der Gläubigen extrem zurückgegangen ist. Die große Mehrheit der Nichtgläubigen hat gelernt, die unterschiedlichen Religionen zu achten. Schon in der Schule werden Kinder mit allen religiösen Ausdrucksformen vertraut gemacht.

Millionen Menschen helfen den Neuankömmlingen beim Eingewöhnen in Deutschland. Der Staat belohnt generell ehrenamtliches Engagement mit Freifahrten in sämtlichen öffentlichen Verkehrsmitteln.

Deutschland blickt im Jahr 2068 zuversichtlich in die Zukunft und hat sich ein neues ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis zum Ende des Jahrhunderts soll endlich die Gleichberechtigung von Mann und Frau verwirklicht sein.
Doris Schröder-Köpf, 55, SPD, ist niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe

Nach oben Link zum Beitrag

Carsten Linnemann

Alles wird schlecht

In Deutschland sind mehr als zehn Millionen Menschen arbeitslos und haben auch keine Chance auf einen neuen Job. Sie sind die Abgehängten der Digitalisierung. Es gibt noch Regierungen, aber die Macht haben weltweit die, die unsere Daten besitzen. Die Mittelschicht löst sich auf. Gewalttätige Islamisten verbreiten Angst und Schrecken im Land, es gibt mehrmals im Jahr Anschläge auf Einrichtungen des Staates, auch auf die letzten verbliebenen christlichen Kirchen. Die Menschen fürchten sich, auf die Straße zu gehen. Ohnehin herrschen im Land fast bürgerkriegsähnliche Zustände, weil sich viele Arbeitslose bewaffnet haben und die Reichen attackieren. Die großen Datenkonzerne sitzen endgültig alle in den USA, die großen Industrieunternehmen kommen aus Asien. Deutsche Autofirmen gibt es nicht mehr. Wer noch in Deutschland studiert, verlässt in der Regel das Land sofort nach dem Abschluss und zieht fort nach Amerika oder Asien. Die meisten versuchen allerdings, gleich dort zu studieren, weil deutsche Bildungsabschlüsse anderswo keinen hohen Stellenwert mehr haben. Der Euro ist schon vor langer Zeit zerfallen, die EU gibt es nicht mehr.

Alles wird gut

Die Menschen arbeiten noch, aber die klassische Erwerbsarbeit ist nicht mehr das wichtigste Thema ihres Lebens. Es gibt viele Formen der "Arbeit", die Übergänge zwischen Broterwerb und Ehrenamt sind fließend. Auf Partys fragt man nicht mehr als Erstes: Was machen Sie beruflich? Man sieht den Menschen an, dass sie glücklicher sind als heute. Es wird viel mehr gelacht. Die Wochenarbeitszeit ist auf 20 Stunden reduziert. Die ehrenamtliche Arbeit gilt ebenso viel wie früher die Erwerbsarbeit, und fast jeder nutzt die frei gewordene Zeit, um sich für andere zu engagieren – etwa in der Pflege, in der Kinder- oder der Seniorenbetreuung.

Ein personalisierter Algorithmus hilft bei täglichen Einkäufen und bei den Lebensentscheidungen. Im Auto setzt man sich nicht mehr selbst ans Steuer, selbstfahrende Autos setzen ihre Insassen am Ziel ab und nehmen neue Gäste auf oder verschwinden in großen Tiefgaragen unter der Stadt. Es wird in den Innenstädten viel grüner sein, weil alle oberirdischen Parkplätze durch Wiesen und Pflanzen ersetzt wurden. Es gibt Kindergartenplätze für alle und viel mehr Kindergärtnerinnen und Kindergärtner als heute. Die Schulklassen sind viel kleiner, maximal zehn Kinder. Weil in dieser Welt das Menschliche im Vordergrund steht, vermitteln die Schulen nicht nur klassisches Wissen, im Unterricht wird sehr viel Wert auf soziale, emotionale und interkulturelle Kompetenzen gelegt. Das Fach "Verantwortung" spielt eine zentrale Rolle. Die "menschlichen" Kompetenzen machen 80 Prozent dessen aus, was man als Leistung bezeichnet, weil alles andere sofort und für jeden online abrufbar ist. Es gibt auch keine Sprachbarrieren mehr: In jedem Meeting, jeder Sitzung übersetzt ein Tool die unterschiedlichen Sprachen in Echtzeit für alle Teilnehmer.
Carsten Linnemann, 41, ist Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung von CDU/CSU

Nach oben Link zum Beitrag

Sahra Wagenknecht

Alles wird schlecht

Die Demokratie ist faktisch abgeschafft. Es gibt zwar noch Wahlen, aber sie werden so manipuliert, dass eine echte Opposition keine Chance hat. Die Medien gehören großen Unternehmen, bevorzugt solchen der florierenden Rüstungsindustrie, öffentlich-rechtliche Sender existieren nicht mehr. Die Innenstädte von Berlin, München, Köln oder Frankfurt werden nur noch von Reichen bewohnt. Die Armen leben in heruntergekommenen Vierteln am Rand dieser Städte. Dort gibt es keine bunten Werbeplakate oder Leuchtreklamen, alles wirkt grau und verkommen. Wer nicht arbeitet, bezieht ein einheitliches Minimaleinkommen, das aber selbst in den Armensiedlungen kaum für die Miete reicht. Die Löhne sind dürftig, weil die Menschen mangels sozialer Absicherung jeden Job annehmen. Die Bewohner der Armenviertel erkennt man am Aussehen, sie haben schlechte Zähne, eine schlechte Haut, ihre Kleidung ist abgenutzt. Sie sterben deutlich früher. Die gesetzliche Krankenversicherung ist abgeschafft.

Um das Heer an rechtlosen Arbeitern zu überwachen und ruhig zu halten, hält die Regierung das gesamte Privatleben unter Kontrolle: Alles wird gespeichert und erfasst. Überall sind Überwachungskameras. Trotzdem ist die Kriminalität in den Randbezirken erschreckend hoch. Die Wohlhabenden schützen sich durch private Sicherheitsdienste. Sie müssen auch keine Gesetze brechen, weil die Gesetze nur noch für sie gemacht werden. Unternehmen zahlen keine Steuern mehr, diese wurden mit Verweis auf den internationalen Wettbewerb abgeschafft. Auch Vermögen sind steuerfrei. Der Staat finanziert sich über Konsumsteuern. Weil das nicht ausreicht, ist eine Charity-Industrie entstanden: Große Unternehmen und Reiche finanzieren zur Pflege ihres Images immer mal wieder eine Schule oder einen Kindergarten. Es ist ein Almosen, eine Geste der Großzügigkeit, mit der sie sich dann schmücken können. Die Armen bekommen zwar mit, dass es ihnen nicht gut geht, sie glauben aber nicht, dass sie ausgebeutet werden, sondern dass sie an ihrer Situation selbst schuld sind.

Alles wird gut

Unternehmen gehören denen, die für sie arbeiten. Den Aktienmarkt gibt es nicht mehr. Die Wirtschaft floriert, weil die Belegschaften eine ganz andere Motivation haben, sich einzusetzen – sie profitieren als Miteigentümer davon, wenn das Geschäft gut läuft. Die Gesellschaft hat verstanden, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Wirtschaft. Man arbeitet nur noch 30 Stunden in der Woche. Die Menschen leben viel entspannter, weil sie keine Angst vor dem sozialen Absturz mehr haben müssen.

Auch die Haltung zu materiellen Gütern hat sich verändert. Andere Dinge sind wertvoller geworden, Freizeit, Freunde, das Leben mit der Familie. Da die Menschen nicht mehr unter ständigem ökonomischem Druck stehen, bekommen sie auch wieder mehr Kinder. Das demografische Problem ist gelöst. Der Staat stellt Krankenhäuser für alle und Wohnungen für jene bereit, die sich kein privates Eigentum leisten können. Natürlich gibt es noch private Immobilienbesitzer, aber renditegetriebene Geschäfte kommerzieller Investoren hat der Staat verboten. Es existieren staatliche Kindergärten und Schulen in großer Zahl und mit einer sehr hohen Qualität, sodass die Nachfrage nach Privatschulen deutlich gesunken ist. Es gibt durchaus noch vermögende Bürger, aber keine Milliardäre mehr. Deshalb muss auch die Vermögensteuer gar nicht so hoch sein. Internetplattformen werden von gemeinnützigen Trägern bereitgestellt, die verpflichtet sind, sämtliche Daten, deren Speicherung der Nutzer nicht ausdrücklich wünscht, nach einem Quartal zu löschen. Die kommerziellen Datenkraken Google, Facebook und Co. wurden nicht verboten, die Nutzer haben ihnen schlicht den Rücken gekehrt, seit es Alternativen gibt.
Sahra Wagenknecht, 49, ist Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke

Nach oben Link zum Beitrag

Thomas de Maizière

Alles wird schlecht

Die deutsche Gesellschaft ist vollkommen überaltert und hat jede Innovationskraft verloren. Da die Alten in der Mehrheit sind, haben sie das Sagen: Sie bestimmen, wer das Land regiert. In der Politik und in der öffentlichen Debatte kreist alles darum, wie man sie glücklich macht. Die Jungen schuften nicht mehr dafür, dass es ihnen selbst gut geht, sondern arbeiten für die Alten. Siebzig Prozent des Einkommens müssen sie inzwischen für sie abgeben.

Alle großen Religionen sind irrelevant geworden. Die Menschen leben ohne religiöse Werte. Glaube, Zweifel, Staunen wurden ihnen aberzogen, schon von frühester Kindheit an. Die Schulen sind längst privatisiert, Kinder lernen an der "Google-Grundschule", wie man sich nutzbringend in den Dienst der Wirtschaft – und nicht in den der Gesellschaft – stellt und nicht zu viel vom Leben erwartet.

In einer Welt ohne Glaube denken alle, dass sie aus dem Leben auf der Erde das meiste rausholen müssen. An die Stelle des Glaubens ist das Entertainment getreten, "Brot und Spiele" sollen die Menschen bei Laune halten. Die Kirchen sind in riesige Unterhaltungszentren umgewandelt worden, in denen die Menschen ihre Freizeit totschlagen.

Ein echtes Füreinander-da-Sein ist verloren gegangen. In der Pflege haben Roboter alle Aufgaben übernommen: Sie waschen die Menschen, sie bringen ihnen ihre Medizin und das Abendessen, sie singen ein Ständchen zum Geburtstag. Und wenn ein Mensch stirbt, spielen sie ein kleines Trauerlied und rufen den Bestatter.

Alles wird gut

Wo gewünscht, erledigen Roboter die meiste Arbeit, und die Menschen haben dadurch viel Zeit gewonnen. Diese Zeit widmen sie der Sinnsuche und der Kultur. Billiges Entertainment geht den Menschen inzwischen auf den Geist, es ist ihnen zu monoton, sie hören die h-Moll-Messe von Bach, sie lernen ein Instrument, sie machen Jazz.

Die Jungen merken, dass die Gesellschaft überaltert ist, aber es löst keine Angst und Lähmung aus, sondern Innovations- und Forschergeist.

Die Globalisierung hat zu einer Gegenbewegung geführt, es gibt starke lokale Verbünde, eine Renaissance der Gemeinden. Viele Jahre zuvor hat ein großes Konzil stattgefunden, evangelische und katholische Kirche sind verbunden, um zusammen stärker zu sein. Es ist selbstverständlich geworden, Gottesdienste zu besuchen und gemeinsam zu beten. Die Menschen beschäftigen sich mit sich und ihren Mitmenschen. In der Pflege erledigen Roboter zwar die Arbeit, aber nur, um dem Personal Freiraum für die wirklich wichtigen Dinge zu geben: Die Hand, die der Sterbende hält, ist die eines echten Menschen.
Thomas de Maizière, 64, CDU, ist Bundesinnenminister a. D.

Nach oben Link zum Beitrag

Markus Blume

Alles wird schlecht

Die Grenzen zwischen virtueller und echter Welt sind verschwunden. Ausnahmslos alles ist mit Sensoren und implantierten Steuerungs-Chips versehen. Menschen sind als Cyborgs Teil beider Welten. Sie werden von einem überstaatlichen System rund um die Uhr überwacht und gesteuert – vorgeblich nur zum eigenen Vorteil. "Falsche" Gedanken werden durch "richtige" ersetzt, störende Gefühle eliminiert, intuitive Entscheidungen optimiert. Dieser Gedanke der Optimierung gilt auch für die Biologie des Menschen: Der "perfekte Mensch" wird durch gezielte Eingriffe in seine Gene gezüchtet. Embryonen werden nach Intelligenz, Aussehen und persönlichen Prädispositionen selektiert. Der gesellschaftliche Druck ist groß, dieses genetische Upgrade auch durchzuführen. Denn der genetisch optimierte Mensch ist Standard. Wenn das Leben eines Menschen nicht mehr lebenswert erscheint, wird es maschinell beendet; ein Mensch, der nicht mehr "voll funktionsfähig" ist, wird "abgeschaltet".

Die Bürger glauben zwar, dass sie einen freien Willen haben und ihre Entscheidungen selbst treffen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Wenn eine Frau mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein krankes Kind bekommen würde, wird ihr schon früh auf allen Kanälen über sogenanntes Mikrotargeting suggeriert, dass sie keine Kinder will. Maschinenbetriebene Sorgentelefone raten Menschen, die schwer depressiv sind und der Gesellschaft nicht mehr nützen würden, zur Selbsttötung. Beim Tod eines geliebten Menschen wird dieser durch einen Roboter, einen Androiden, als perfektes Abbild des Verstorbenen ersetzt. Kurzum: Für alle Lebenslagen gibt es autonome Systeme, die dem Leben jede Zufälligkeit und Unsicherheit nehmen. Die Menschen folgen dem Irrglauben, dass all die Technik ihnen hilft. Doch längst ist die Technik nicht mehr da, um dem Menschen zu dienen. Der Mensch dient der Technik, ist deren Rohstoff geworden. Am Ende ist die Gesellschaft vermeintlich optimiert – und in Wahrheit vollkommen entmenschlicht.

Alles wird gut

Der digitale Fortschritt ist zum größten Wohlstands- und Nachhaltigkeitsprogramm der Menschheitsgeschichte geworden. Die Weltgemeinschaft hat frühzeitig eine digitale Ethik entwickelt und verbindliche Leitlinien für die technischen Entwicklungen festgelegt.

Nicht Algorithmen, sondern Menschen entscheiden. Im neuen Zeitalter der "digitalen Aufklärung" gehören Fake-News, Filterblasen und Echokammern der Vergangenheit an. Die Meinungshöhlen des Internets haben sich geöffnet und sind zugänglich für offene Diskurse, die allein an der Sache und am besseren Argument orientiert sind. Programmieren wird als algorithmisches Denken zur vierten Kulturtechnik neben Lesen, Rechnen und Schreiben.

Die Technik ermöglicht dem Menschen ein besseres Leben. Er muss nicht mehr selbst fahren, selbst den Müll rausbringen, selbst putzen, selbst am Fließband stehen. Die Menschen können mithilfe der Maschinen bis ins hohe Alter selbstbestimmt zu Hause leben; Roboter unterstützen sie beim Waschen und helfen beim Anziehen. Krankheiten sind so gut wie ausgerottet, aufgrund der technischen Möglichkeiten erkennt man sie, lange bevor sie ausbrechen.

Die gewonnene Zeit nutzen die Menschen für kreative Aufgaben und zwischenmenschliche Kontakte. Die wichtigen sozialen Tätigkeiten erledigen Menschen: Alle haben Zeit, sich umeinander zu kümmern. Am Sorgentelefon sitzt ein Mensch – und wenn man krank ist, hält einem ein echter Mensch die Hand. Das ehrenamtliche Engagement für den Nächsten ist gesellschaftlich hoch angesehen. Die Menschheit hat die Vorzüge der Technik kultiviert. Das Leben ist dadurch noch reicher und lebenswerter.
Markus Blume, 43, ist CSU-Generalsekretär

Nach oben Link zum Beitrag

Diana Kinnert

Alles wird schlecht

Deutschland ist überaltert, die Menschen werden zwar älter als 100 Jahre, aber die allermeisten von ihnen sind von der Außenwelt isoliert und haben kaum Kontakt zu anderen. Es gibt keine sinnvolle Aufgabe für jene, die älter als 70 sind. Zärtlichkeit und Nähe sind selten geworden. Die Alten werden depressiv und krank vor Einsamkeit. Wer es kann, bringt sich um. Wer es nicht kann, vegetiert in großen, anonymen Heimen vor sich hin. Die Alten werden von Pflegerobotern mit dem Nötigsten versorgt. Diese Roboter sind allerdings so programmiert, dass sie autoritär mit ihren Patienten umgehen: Wer nicht spurt, bekommt kein Essen oder wird ans Bett gefesselt.

In den Großstädten leben die Menschen zusammengepfercht in grauen Massenunterkünften. Bäume oder Sträucher gibt es schon lange nicht mehr. Die Luft ist schlecht. Es stinkt. Kinder, die dort aufwachsen, können nicht mehr richtig riechen. Die Menschen kennen keine Weite mehr. Weil es in den Straßenschluchten so eng ist und sie ständig auf Häuserwände starren, können sie auch keine Entfernungen mehr einschätzen.

Die Regierung verwaltet das Elend, aber sämtliche staatlichen Strukturen sind unwirksam geworden. Wer es sich leisten kann, kauft sich Personenschutz und private Feuerwehr ein. Die Europäische Union gibt es zwar noch, aber ihre Mitgliedsstaaten blockieren sich seit Jahrzehnten: Das Einzige, was die EU noch zusammenhält, ist das moralische Credo, dass sie nicht zerfallen dürfe. Doch ihren Sinn oder Zweck kann kein Politiker mehr benennen.

Alles wird gut

Die klassischen Ministerien sind überflüssig geworden, an ihre Stelle sind neue getreten: Es gibt jetzt ein Technologieministerium, ein Nachhaltigkeitsministerium, ein Demografieministerium. Im Parlament wird über Glück, Emanzipation und Autarkie debattiert. Jedes neu verabschiedete Gesetz hat eine begrenzte Gültigkeitsdauer, danach muss es überprüft und neu darüber abgestimmt werden. Auch die Ministerien selbst werden immer nur für eine Wahlperiode gebildet – danach entscheiden die Bürger: Braucht es einen neuen Zuschnitt? Wie könnten andere Ministerien aussehen?

Das Beamtentum in alter Form ist abgeschafft. Der Begriff Staatsdiener ist neu definiert und gegenwärtigen Herausforderungen angepasst worden: Beamte sind nun Computerspezialisten gegen Cyberterrorismus ebenso wie Seelsorger im Hospiz. Vor allem die sozialen Berufe erhalten dadurch eine überdurchschnittlich gute Bezahlung.

Die Menschen sind glücklicher, weil sie lernen, aktiv und selbstreflexiv mit ihrer Freiheit und Unabhängigkeit umzugehen. Sie wählen ihren Beruf nach Neugierde, wechseln ihn auch immer wieder, konzentrieren sich auf die Entwicklung ihrer Fertigkeiten und Tätigkeiten, nicht auf das Abspulen von Lexikonwissen, das sie einer Branche zuschreibt. Wenn ein Beruf verschwindet, fällt man nicht ins Bodenlose. Es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen. Und viele Arbeitnehmer haben gar nicht mehr den einen Arbeitgeber. Sie arbeiten für mehrere, in unterschiedlichen Projekten, manchmal analog, manchmal digital. Der Staat gewährleistet Bafög auf Lebenszeit. Fort- und Weiterbildung sind bei den schnellen Veränderungen in der Industrie nicht nur notwendig geworden, eine Kultur des lebenslangen Lernens bejahen vor allem die Konservativen als staatstragenden Wert. In sämtlichen Schuleinheiten und Vorlesungen sitzen Junge neben Alten. Die Jungen lernen, mit Tod und Krankheit umzugehen, die Alten wettbewerben bei Hackathons. Entwicklungshilfepolitik wird oft auch aus dem Hörsaal geleistet: Chefärzte und Professoren bilden per Skype Nachwuchs in Afghanistan und Äthiopien aus.

Die Demokratie hat sich weiterentwickelt. Es gibt ergänzende Organisationseinheiten, die mal sehr regional, mal weltumspannend sein können. Alte Deutsche, mittelalte Inder und junge Äthiopier zahlen in einen gemeinsamen Rentenfonds für die Altersvorsorge ein. Die Niederlande, Belgien, Dänemark und Schweden haben jeweils ein Elternministerium gegründet und legen dann auch noch deren Etats zusammen. London, Berlin und Tel Aviv teilen sich eine politische Sondereinheit, die Konzepte für Nachtleben und Clubkultur erarbeitet.
Diana Kinnert, 27, CDU, ist Unternehmerin und Autorin

Nach oben Link zum Beitrag

Robert Habeck

Alles wird schlecht

Der Meeresspiegel ist um 30 Meter gestiegen. Ein großer Teil von Schleswig-Holstein ist überflutet, Kiel ist nicht mehr bewohnbar. Von der Umwelt, wie wir sie heute kennen, hat man sich längst verabschiedet. Es gibt kaum Insekten oder Vögel, aufgrund von Verödung, Versteppung und Versumpfung ist Landwirtschaft nahezu unmöglich. Unsere Lebensmittel werden in Laboren hergestellt. Nur die Kinder von exorbitant Reichen haben mal eine echte Erdbeere probiert. Das große Fischsterben ist längst vorbei, die Meere sind versauert.

Vom Äquator bis zum Breitengrad von Rom ist die Erde aufgrund der enormen Hitze nicht mehr bewohnbar. Die Menschen dort bewaffnen sich, um neue Territorien zu erobern; die nördliche Hemisphäre schützt sich mit Waffen und Mauern. An diesen Mauern spielt sich unendliches Leid ab, es gibt Kriege und Millionen Todesopfer weltweit.

Es hat bereits in den Dreißigerjahren des 21. Jahrhunderts Versuche gegeben, die Klimakrise aufzuhalten, indem man Chemikalien in die Atmosphäre geblasen hat. Das ist schiefgegangen und hat dazu geführt, dass sich über der Welt ein gelber Himmel aufspannt. Er wird nie wieder blau sein.

Alles wird gut

Der Meeresspiegel ist um einen Meter angestiegen. Wir haben den Scheitelpunkt der Klimakrise hinter uns. Weltweit gab es große Verluste: Überschwemmungsgebiete, versalzte Böden, Dürren. Die westliche Gesellschaft hat sich entschieden, solidarisch zu sein, und macht den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, Angebote. Beispielsweise wurde neues Saatgut entwickelt, das es den Menschen ermöglicht, trotz der Klimaänderung weiter Getreide anzubauen. Durch die Weiterentwicklung der erneuerbaren Energien, zum Beispiel im Bereich der Offshore-Windenergie, ist es gelungen, Strom günstiger als je zuvor zu produzieren und Regionen ökonomisches Wachstum zu ermöglichen, die vorher auf der Strecke geblieben waren. Das Ende des Ölzeitalters ist auch das Ende der autoritären Regime. Es gab weltweit eine große Ernährungsumstellung. Tiere zu töten, um sie zu essen, ist verpönt. Autofahren ist ein seltenes Hobby wie zu Anfang des Jahrtausends der Reitsport. Auf die Zeit heute blicken die Menschen zurück wie wir auf das Ende des Römischen Reiches.
Robert Habeck, 49, ist Parteivorsitzender der Grünen

Nach oben Link zum Beitrag