© Petra Bahr

Zwischen den Jahren. Was für eine poetische Formulierung für einen Sachverhalt, den es nicht gibt. Dichtung darf falsch sein. Sie ist trotzdem wahr. Zwischen den Jahren gibt es ja kein Loch, keine Lücke, keine Pausentaste in der Uhr, keine weißen Blätter im Kalender. Trotzdem fühlt es sich so an, dieses Zwischen, für das es keine Regeln gibt.

Im Zwischen sein, das kann man üben und genießen. Resteessen und Schlafanzugtage, kalter Kaffee und altes Brot, gegrillt mit Käseresten. Aufräumaktion oder Lizenz zum Verrumpeln, Zeit für die Menschen, die einem wirklich wichtig sind, oder Stunden des "Ihr könnt mich mal, auch wenn ich euch mag". Eine Zeit, in der man getrost in Deckung gehen kann, ohne dass sich jemand daran stört. Frauenzeitschriften reden von "Me-Zeit" und Selbstachtsamkeit, mit Empfehlungslisten für Hautkuren und Selbsttuninglisten, wo Lebensziele abgeglichen und Sinn neu gewogen wird. Ist mir zu anstrengend. Klingt nach Anforderung, nach Selbstevaluierung und gründlichem Gefühlstracking. In der Zwischenzeit bin ich nicht mal ausgiebig mit mir selbst im Gespräch, wenn es sich nicht ergibt, bin nicht gründlich, nicht zielstrebig, nicht ergebnisorientiert, schon gar nicht tief oder fromm oder ausgestattet mit niveauvoller Haderei. "Zwischen den Jahren", das ist mein Selbst zwischen den üblichen Anforderungen und selbst auferlegten Highlights, ohne Stundenplan, ein Zeit des Freiraums, wo nicht mal die Freiheit großartig sein muss. Zwischen den Jahren lasse ich Dinge oder Bücher liegen oder nicht, übe ein neues Stück oder nicht, schreibe oder lasse mein Laptop kalt, gucke doofe Serien oder lese mit dem Kind Bücher, aus denen wir eigentlich herausgewachsen sind.

Nichts muss, vieles kann – und zwar so, dass es in letzter Sekunde anders entschieden werden darf. Zwischen den Jahren, die kostbarste Zeit, diese drei bis sechs Tage ohne rote Zeichen im Kalender, in denen sogar der Himmel ohne großes Geschimpfe grau bleiben darf. Zwischen den Zeiten bin ich einfach, komme aus dem Takt, schreibe ein Gebet und genieße meine Vorfreude. Die Dankbarkeit dafür, dass ich am Leben bin, kommt dann wie von selbst.