Er wird nicht mehr besorgt das Geschehen im In- und Ausland verfolgen, den erstarkenden Fanatismus, den ferner rückenden Frieden. Das war vorhersehbar. Das ist der Lauf der Welt, und doch ist es unfassbar, undenkbar. Es schien, als wäre Amos Oz immer da gewesen und würde immer da sein, wie die Naturgewalten, wie der Polarstern. So weit, wie ich zurückdenken kann, strahlte er am Himmel unseres Lebens, geleitete mich und meine Zeitgenossen und die nächsten Generationen von Kindesbeinen an über die Jahre. Es fühlte sich an, als würde es ewig so bleiben.

Seine Bücher verwoben sich mit unserer Lebensgeschichte, begleiteten uns, als wir erwachsen wurden und Familien gründeten. Unseren Kindern lasen wir Panther im Keller vor, und wenn sie eingeschlafen waren, lasen wir Nenn die Nacht nicht Nacht oder wieder einmal Der Berg des bösen Rates. Als die Kinder größer wurden, warteten seine Bücher im Regal auf sie, und als sie Eine Geschichte von Liebe und Finsternis verschlangen, strahlten ihre Augen ebenso wie unsere angesichts der betörenden Sprache, der literarischen und emotionalen Stärke, der schwindelerregenden Begabung. Und er war noch da, beobachtete die Lebenskreise um sich her, auf die er fast unbewusst seinen Zauber ausübte.

Als ich von seinem Tod erfuhr, fühlte ich mich zum zweiten Mal verwaist, diesmal nicht von meinem leiblichen, sondern von meinem literarischen Vater, denn die Entdeckung seines Werks in früher Jugend war für mich schicksalhaft, eine wegweisende Begegnung zweier Seelen. Amos Oz, der 26 Jahre alt war, als Mein Michael erschien, öffnete mir das Tor zur Fülle widerstreitender Möglichkeiten innerhalb des Universums, zur Fremdheit und Entfremdung, die in jeder Nähe lauern, zur Verletzlichkeit und Begrenztheit der Seele neben der absoluten, fast dämonischen Kraft der Fantasie. Seine Romanheldin Hannah Gonen mit ihrem entrückten weiblichen Blick, die sich trotz ihrer Kühnheit in ihre Innenwelt zurückzog, ist zweifellos die literarische Mutter vieler Frauengestalten, die später in der hebräischen Literatur auftauchten, auch in meinen eigenen Büchern.

Doch nicht nur ich und nicht nur die Leser seiner Bücher sind jetzt verwaist, sondern der Staat Israel hat vergangenen Freitag seine klarste moralische Stimme verloren, den scharfen Blick desjenigen, der schmerzlich die beiden einander bekämpfenden Seiten sah und beide zum Einlenken aufrief. Die Palästinenser sollten in seinen Augen auf das Rückkehrrecht und auf den Terror verzichten und die Israelis auf die Besatzung und die Siedlungen. Literatur und Politik vermischten sich in seinem geistigen Vermächtnis, und es bleibt nur zu hoffen, dass sie einander bestärken, sodass der Frieden noch zu unseren Lebzeiten Wirklichkeit wird.

Ich habe ihn als Kind kennengelernt, weil er gelegentlich zu uns kam, um mit meinem Vater zu sprechen, der über sein Werk schrieb. Als wir ihn einmal im Kibbuz Hulda besuchten, spielte ich mit seiner Tochter Fanya mit Puppen und konnte die Augen nicht von dem gut aussehenden Schriftsteller lösen, der in präziser und sensibler Rede wunderbar Wort an Wort zu fügen wusste. Jahre später schickte ich ihm mein erstes Buch und erhielt von ihm den ersten Brief in seiner kleinen, akkuraten Handschrift und fand in jedem Wort Weisheit und Zuwendung.

Schließlich durfte ich sein Buch Das Schweigen des Himmels – Über Samuel J. Agnon lektorieren, wobei ich seine Bescheidenheit bewunderte, seine Bereitschaft, jedem Mitmenschen zuzuhören, sogar einer jungen Lektorin, die fünfzehn Jahre zuvor noch mit seiner Tochter mit Puppen gespielt hatte. Ich durfte mich gelegentlich auch mündlich oder schriftlich mit ihm austauschen und ihn vergangenen Sommer einmal besuchen mit der Bitte, mir etwas über meinen Vater zu erzählen, und bekam Dinge zu hören, die nur er auf diese Weise sagen konnte.

Wie viele andere, Leser und Autoren, verstand ich durch ihn, dass eine Wunde sich in reinste Schönheit und großen Trost verwandeln kann. Die menschlichen Schwächen betrachtete er mit scharfem, aber nachsichtigem Auge, wobei er den prächtigen Fächer seines natürlichen, perfekten Hebräischs vor uns ausbreitete, in seinen Büchern und Aufsätzen und im Gespräch.

Dies ist eine Zeit des Abschieds und des Dankes, des gesenkten Hauptes und des trauernden Herzens. "Räume keinesfalls deinen Platz", schrieb ich ihm kürzlich nach einem Interview, in dem er in seinem ureigenen Humor gesagt hatte, es gebe so einige, die genau das von ihm erwarteten. Ich hoffte, es werde ihm gelingen, seine tödliche Krankheit mit der Kraft seines Charismas und seines Geistes zu besiegen. Ich hoffte, es werde noch ein weiteres Buch von ihm geben. Aber auch nachdem er uns verlassen hat, bleibt ihm sein Platz für immer gesichert, dem Polarstern, dem Leitstern unseres Gewissens.

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama