Berhan Özcelik ist der Fahrer des Bezirksbürgermeisters von Neukölln, der Martin Hikel heißt und über den, abgesehen davon, dass er sehr jung (Jahrgang 1986), sehr groß (2,08 Meter) und ein SPD-Bürgermeister ist, wenig bekannt ist. Özcelik raucht und wartet neben dem Dienstwagen im Hof des Rathauses auf Hikel, um ihn zu seinem nächsten Termin (11.30 Uhr, Pensionierungsfeier in der Feuerwache Neukölln) zu bringen. Özcelik hat in einer am Beifahrersitz befestigten Tasche Schokoriegel für Hikel deponiert (Corny, Snickers) und Hikels To-go-Cup mit Kaffee aufgefüllt. "Wegen Recycling und so müssen wir ja aufpassen", erklärt er. Özcelik ist 29. Er trägt Anzug und hat am Revers einen Anstecker mit dem Neuköllner Wappen. "Der Bezirksbürgermeister" sehe es gern, wenn seine Mitarbeiter das Wappen tragen, und er finde das auch gut. Wenn Özcelik etwas sagt, wirkt es beinahe feierlich, als spreche da einer, der im Amt ist. Früher habe er bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet. "Herr Hikel hat viel für mich getan. Er hat sich sehr dafür eingesetzt, dass ich vom Bezirksamt Neukölln als sein Fahrer übernommen worden bin."

Kurzes Schweigen, weiter Zigarette rauchen. "Herr Hikel ist auch lustig, wenn wir zu zweit sind", sagt Özcelik. Noch ein Zug. "Wir sind ein Team, wir haben noch viel vor."

Özcelik nickt zufrieden, und dann kommt Martin Hikel freundlich lächelnd auf den Dienstwagen zu. Zuvor hat er im sogenannten Rixdorf-Salon (Doppeltüren, schwere Möbel, Kronleuchter) im Rathaus einen Beförderungstermin von Mitarbeitern absolviert, wobei "absolvieren" den flavour jener Veranstaltung recht treffend beschreibt: Die zu befördernden Mitarbeiter saßen an einem langen Tisch, Hikel am Kopfende. Jeder erklärte, wofür er so zuständig sei (Pflege, Kampfhunde, Mütter mit Nervenzusammenbrüchen, deren Kinder nicht auf die gewünschte Schule gehen können), dann wurde gesagt, dass die Probleme groß seien, es aber, tja, irgendwie gehen müsse (muss ja, wa?), und dann stellte Hikel fest: "Alle Probleme sind auch Chancen." Schließlich wurden den beförderten Mitarbeitern eine Urkunde, ein Stift mit integrierter Taschenlampe und ein Anstecker mit Bezirkswappen überreicht. Vollkommen erdrückt von der Traurigkeit dieser Veranstaltung, fragte man sich, wie es ein junger Mensch wie Hikel schafft, diese Bezirksbürgermeister-Performance durchzuziehen. Warum macht er das?

Wahrscheinlich kann man sagen, dass Hikel in das Bürgermeisteramt mehr hineingeraten ist, als dass er es angestrebt hätte. Denn nachdem Hikels Vorgängerin Franziska Giffey in die Bundespolitik berufen wurde, brauchte Neukölln Ersatz, für den eigentlich der Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer vorgesehen war, der jedoch betrunken Auto gefahren und dabei erwischt worden war, weswegen man schon wieder Ersatz brauchte. Die Wahl fiel dann auf den Mathematik- und Sportlehrer Martin Hikel, seit 2016 Fraktionsvorsitzender der Neuköllner SPD. Und wahrscheinlich würde all das und insbesondere Martin Hikel auch nicht weiter auffallen, wenn es sich bei dem Neuköllner Bezirksbürgermeister nicht um den einzigen Bezirksbürgermeister handeln würde, den man deutschlandweit kennt.

Man kennt Heinz Buschkowsky, der einem regelmäßig auf den Titelseiten der Boulevard-Blätter als der konservative SPD-Zuspitzer begegnet war ("Multikulti ist gescheitert"). Und genauso wusste man, wer Buschkowskys Nachfolgerin war, nämlich Franziska Giffey, also die öffentlichkeitswirksam bürgernahe Pragmatikerin, die im März Bundesfamilienministerin wurde. Eine der wesentlichen Voraussetzungen der Prominenz von Hikels Vorgängern wiederum ist die Bekanntheit des Stadtteils, dem sie vorstanden. Denn Neukölln wird häufig als "Brennglas" bezeichnet, weil dort Deutschlands Probleme (Gentrifizierung, Bildungschancen, die sogenannte Integration von Migranten) besonders sichtbar würden.

Inzwischen hat sich Hikel auf dem Dienstwagen-Rücksitz zusammengefaltet, müde, etwas ratlos, aber irgendwie zuversichtlich wirkt er. Er trägt, wie sein Fahrer, Anzug mit Wappen-Anstecker. Im Gespräch sagt er häufig "vom Prinzip her" und dass man etwas durch eine bestimmte "Brille" sehen müsse oder könne. Man weiß ziemlich bald, dass er temperamentsmäßig der absolute Anti-Buschkowsky ist: leise, nüchtern, an Öffentlichkeit nicht übermäßig interessiert. Dennoch will er wie Buschkowsky auf Bildung setzen und dessen Law-and-Order-Politik fortführen. "Mein Ziel ist es, aus Neukölln einen lebenswerten Bezirk zu machen, mit dem sich die Leute identifizieren. Das ist ein hohes Ziel, aber ohne Utopie kann man keine Politik machen", sagt er, wobei man kurz überlegt, wie man Martin Hikel jetzt mit der Vokabel "Utopie" in Zusammenhang bringen soll, der sich nun nach vorn zu Berhan Özcelik beugt, um ihm mitzuteilen, wie man auf dem direktesten Weg die Neuköllner Feuerwache erreicht: "Hier komm’ Se nicht durch, das ist ne Einbahn."

11.30 Uhr, die Feuerwehrleute stehen Spalier, um einen Hauptbrandmeister nach 33 Jahren zu verabschieden. Große Ehre, Wahnsinn, wie die Zeit vergeht, Staubhaut, Zigaretten, der Hauptbrandmeister hält eine Rede (die Feuerwehrleute, die weitermachen müssen, täten ihm leid, auf der Straße werde man ja inzwischen angepöbelt, und die Messer säßen immer lockerer), und später gibt es auch noch ein Buffet. Hikel schüttelt Hände, er lacht über Witze, die seine Größe betreffen, auch darüber, dass man – haha – nun keinen Witz über seine Größe machen werde. Später im Auto wird er sagen, dass er das gar nicht so schlimm fände, so wisse man immer, was einen erwarte, und das scheint er zu mögen.

Er steht auf dem Hof der Feuerwache, den Kopf geneigt, ein Bein angewinkelt, er nickt und hört zu, nickt wieder, wahnsinnig geduldig, wahnsinnig gesprächsbereit. Dann Grußwort ohne Notizen, er spricht in gleichbleibender Tonlage und ohne jede Emphase, kann dies aber durch seinen Profi-Ernst ausgleichen. Danach bleibt leider keine Zeit mehr für das Buffet, er beißt im Auto in einen Schokoriegel.

Es ist jetzt 12.15 Uhr, und das Büro des Bezirksbürgermeisters sieht für diesen Tag noch drei weitere Termine und keine Pause vor. Hikel hat keine Wochenenden und eine 80- bis 100-Stunden-Woche. Aber Herr Hikel, denkt man dann, neben ihm im Auto sitzend, was machen Sie hier denn, Sie mögen doch eigentlich Rapmusik! Das zumindest hatte er im Vorgespräch erzählt. Dabei hatte er zwischen alten, schweren Möbeln in einem großen Raum gesessen, dem Neuköllner Bürgermeisterbüro. Das Sonnenlicht, das von draußen hereingefallen war und in dem der Bürostaub tanzte, hatte ihm auf brutale Weise in das blasse Gesicht geleuchtet. Er hatte etwas verschämt erzählt, dass er Rapmusik höre, seit er elf gewesen sei, und dass der emanzipative Aspekt von Rap möglicherweise auch bei seiner Politisierung eine Rolle gespielt habe, was man als Zuschauerin naturgemäß super fand. Nicht weil man Rap hören muss, um ein guter Politiker zu sein. Sondern weil ein Gespräch mit zum Beispiel seinem Vorgänger Buschkowsky darüber so wohl nicht stattgefunden hätte und hier vielleicht gerade etwas Neues passierte.

Als es dann um die Serie 4 Blocks (spielt in Neukölln, geht um sogenannte Clan-Kriminalität) gegangen war, hatte Hikel gesagt, dass das eine "für deutsche Verhältnisse" gute Serie sei. "Man darf Intensivtäter nicht glorifizieren", hatte Hikel überlegt, "andererseits finde ich auch interessant, dass man anhand dieser Serie erklären kann, warum der Protagonist so geworden ist. Durch seinen Duldungsstatus konnte er keine ehrliche Arbeit machen und ist dann kriminell geworden. Trotzdem ist das keine Entschuldigung. Die Serie liefert eine Erklärung dafür und stellt die Menschen dahinter gut dar. Als Zeitungsleser weiß man davon meistens nichts, man sieht nur das Label 'Intensivtäter' und fragt sich vielleicht nicht nach den Gründen für diese Biografien." Er hatte langsam geantwortet und abgewägt, und ja, er hatte bereits diese politikerhafte Sicherheitssprache drauf, aber es war dennoch sofort aufgefallen, dass er differenzierte, dass es in seiner Welt so etwas wie Ambivalenz gab und vor allem: dass er sie gelten ließ.