Zum Abschluss der Hinrunde erlebte Dortmund noch einen großen Fußballabend. Im Duell Erster gegen den Zweiten der Bundesliga siegte der BVB 2:1 über Borussia Mönchengladbach, und wieder waren es zwei außergewöhnliche Tore, die den Ausschlag gaben. Beim 1:0 ließ der Dribbler Jadon Sancho seinen Gegner scheinbar erstarren, bei seinem Schuss fand er aus spitzestem Winkel das Nadelöhr zwischen Tormann und Pfosten. Alles ging so schnell, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer erst mit Verzögerung jubelten. Den Siegtreffer bereitete Mario Götze mit einem Pass vor, der so genau war, dass man Millimeterpapier brauchte, um ihn nachzuzeichnen. Er kam so unerwartet, dass er gleich zwei Abwehrspieler und den Tormann verblüffte. Marco Reus musste den Ball nur noch ins Tor hineingrätschen. Treffer von solcher Klasse sieht man in der Bundesliga nicht oft.

Die Borussia siegt, das ist wieder normal. Dennoch war es kein gewöhnliches Spiel, denn drei Tage zuvor hatte Dortmund die erste Niederlage der Saison hinnehmen müssen – beim Aufsteiger Fortuna Düsseldorf. Bei manchen mochte dieses 1:2 Erinnerungen an die Situation von vor gut einem Jahr ausgelöst haben. Auch damals lag der BVB vorn in der Tabelle. Anschließend gewann er aber monatelang kaum noch ein Spiel, er rettete sich am Ende mehr schlecht als recht auf Platz vier. So fragt sich mancher Fan selbst jetzt noch, da die Borussia mit sechs Punkten Vorsprung auf Bayern München Herbstmeister geworden ist: Wird sie wieder abstürzen?

Doch der BVB in der aktuellen Verfassung hinterlässt nicht den Eindruck, als würde er wieder schwächeln. Es deutet alles darauf hin, dass er zumindest einen Alleingang des ewigen Meisters FC Bayern verhindern wird. Der BVB ist inzwischen sogar der Favorit auf den Titel, was daran liegt, dass er hinten viel stabiler geworden ist und vorn einen echten Stürmer hat. In der Dortmunder Mannschaft ist an entscheidenden Stellen etwas anders als in den vergangenen Jahren, auch dank der Scouts, die erneut ganze Arbeit geleistet haben. Der BVB mag manches Spektakel bieten, vor allem aber ist nun seine Defensive sicherer. Im Mittelfeld schaffen Thomas Delaney und Axel Witsel Ordnung und halten ihren Hintermännern die Gegner vom Leib. Insbesondere der belgische WM-Dritte Witsel, der für rund 20 Millionen Euro aus China kam, ist schnell zur Stütze geworden. Immer wieder erobert er den Ball und spielt ihn beinahe fehlerfrei weiter. Der Mann ist ein Publikumsliebling.

In der Verteidigung besorgen der 19-jährige Franzose Dan-Axel Zagadou und der schweizerisch-nigerianische Manuel Akanji, 23, den Rest. Die beiden 90-Kilo-Kerle bewegen sich trotz ihrer Körperlänge schnell und wendig, sie sind zudem kopfballstark. Außerdem können sie für Abwehrspieler erstaunlich gut mit dem Ball am Fuß locker am Gegner vorbeiziehen. Dadurch erschweren sie ihm das Pressing. Der Franzose Abdou Diallo, 22, ist ähnlich gut.

Die Verteidiger sind bisweilen noch unerfahren, machen auch mal Fehler, doch aus den fünf Zweikampfstarken lässt sich ein Block bilden, an dem Stürmer schwer vorbeikommen. Viel schwerer als an Ömer Toprak, Jeremy Toljan, Erik Durm, Marc Bartra oder Matthias Ginter, die sich in den Jahren zuvor als Abwehrspieler beim BVB versuchten. In diesen Zeiten bestand der Dortmunder Fußball oft aus Angriff ohne Absicherung. Das war schon phasenweise unter Jürgen Klopp so, der sich in seinem letzten BVB-Jahr vorübergehend auf dem letzten Platz wiederfand. Unter dem Trainer Thomas Tuchel gewann der BVB ein Spiel in der Champions League 8:4. Unter Peter Bosz vergrößerten sich die Löcher in der Abwehr. Bosz’ Mannschaft ermöglichte selbst schwachen Gegnern einfachste Tore. Sein Nachfolger, der Übergangstrainer Peter Stöger, agierte vorsichtiger, der BVB gewann wieder, kickte aber grau und trübe. Heute ist das anders. Dortmund kann begeistern und verteidigen. Nur Leipzig kassierte in der Bundesliga weniger Tore als der BVB. In der Champions League spielte Dortmund gar in fünf von sechs Spielen zu null. Und das, obwohl sich nicht mehr so viele Spieler daran beteiligen, das Tor zu verteidigen, wie in der Stöger-Phase.

Dass Dortmund zurzeit wieder die beste Mannschaft Deutschlands ist, liegt vor allem am Sturm. Nun hat sie Paco Alcácer, der Ende August aus Barcelona kam. Zwölf Tore schoss er in zwölf Spielen, die meisten davon als Einwechselspieler. Der Spanier ist ein zielstrebiger Torjäger, der auf verschiedene Arten treffen kann: mal mit dem Kopf wie in Düsseldorf, mal mit einem Reflex wie in Leverkusen, mal durch einen Fernschuss mit dem schwachen linken Fuß wie gegen Frankfurt, mit einem lässigen Chip wie in Stuttgart, mit einem Freistoß wie gegen Augsburg. Beim 3:2-Siegtor gegen die Bayern im November ließ ihn der Münchner Abwehrspieler Jérôme Boateng bei einem Konter aus den Augen, und als der Stürmer mit dem Ball Fahrt aufnahm, etwa 40 Meter vor dem Tor, ahnten alle im Stadion, dass er treffen würde. So kam es, er täuschte und verlud den Torwart Manuel Neuer. Es war das abgezockteste Tor der Bundesligasaison.