Die türkische Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich in einer ersten Reaktion über die Entscheidung von Präsident Donald Trump, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen, erfreut gezeigt. Schon lange stören sich die Türken an der Stationierung des amerikanischen Nato-Partners, weil seine Präsenz in Nordsyrien aus ihrer Sicht nicht in erster Linie für den Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) steht, wie die Amerikaner sagen, sondern für die Unterstützung der syrisch-kurdischen "Volksbefreiungseinheiten" (YPG). Die Türken konnten den angekündigten Abzug der USA also als außenpolitischen Erfolg verbuchen, zumindest kurzfristig.

Als 2011 der Krieg in Syrien ausbrach, lautete die Priorität Ankaras noch: Assad muss weg. Mittlerweile redet auch in der türkischen Politik niemand mehr ernsthaft über einen Regimewechsel in Damaskus, das wichtigste Ziel ist stattdessen die Bekämpfung der syrisch-kurdischen Partei PYD und ihres militärischen Arms, der YPG. Der türkische Staat betrachtet die PYD als syrischen Ableger der PKK (was einige unabhängige Beobachter bestätigen) und damit als Terrororganisation. Mit Argwohn beobachtete Ankara während der Jahre des Bürgerkriegs, wie die Kurdenmiliz im Norden Syriens immer mehr Land unter ihre Kontrolle brachte und es hielt – erfolgreiche kurdische Autonomiebestrebungen und Selbstverwaltung direkt vor der eigenen Haustür, ein Albtraum für den türkischen Staat.

Den Kurden dürfte das auch deshalb gelungen sein, weil sie nie einen ernsthaften Konflikt mit Assads Truppen riskiert und auch nicht den Aufstand gegen ihn unterstützt hatten, was ihnen wiederum nicht gerade Sympathiepunkte in Ankara einbrachte. Auf den ersten Blick fiel mit dem US-Abzugsplan nun der mächtige Partner der Kurden weg – und damit die wichtigste Hürde für die jüngsten Einmarschpläne der Türkei.

Außerdem stellt der Abzug auch eine kleine Versöhnung zwischen der türkischen und der US-Regierung dar. Seit die USA unter Präsident Obama in den syrischen Kurden eine effektive Bodentruppe in der Bekämpfung des IS entdeckt hatten, waren die Türken erzürnt: Die Amerikaner ziehen diese Terroristen einem Nato-Partner vor und geben ihnen auch noch Waffen! So lautete der Vorwurf seither. Immer wieder drohte Präsident Erdoğan mit einer (erneuten) Militäroffensive in Syrien, um die Kurden wegzudrängen, wie jetzt wieder. Doch mit seiner Entscheidung hat Trump gezeigt, dass die USA nicht auf die Türkei verzichten wollen.

Der türkische Präsident kann diesen außenpolitischen Erfolg auch innenpolitisch verwerten. Die Wirtschaft schwächelt, und im März sind Kommunalwahlen. Da hilft es sicher, wenn man sich dem Wähler als starker Player in der Region präsentieren kann.

Doch das syrische Kriegskarussell dreht sich schnell, und schon zeigt sich, dass das türkische Kalkül wahrscheinlich langfristig nicht aufgehen wird.

Die Kooperation der USA mit den Kurden war für die Türken ein Ärgernis, allerdings stellte die Präsenz der USA auch einen Ausgleich zu Russland und dem Iran dar, den anderen Großmächten im Syrienkrieg. Zwar reiht sich die Türkei seit geraumer Zeit in der Syrienfrage eher bei Russland und dem Iran ein (etwa organisieren sie gemeinsam die Friedensgespräche in Astana oder verhandelten Waffenstillstände), um sich alle Optionen offenzuhalten und am Ende auf der Seite irgendeines Siegers stehen zu können. Doch eine auf Augenhöhe beruhende Partnerschaft besteht nicht. Dass Russland ein harter, mitunter unnachgiebiger Partner sein kann, durfte die Erdoğan-Administration nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets 2016 erleben. Es folgten monatelange Boykotte türkischer Waren und Urlaubsorte durch Russen, türkische Geschäftsleute wurden willkürlich in Moskau festgesetzt.

Die Kurden haben sofort nach neuen Optionen gesucht, um sich gegen eine mögliche Offensive der Türken zu wehren. Die pragmatischste, vielleicht auch einzige Option waren wohl Assad und dessen Schutzmacht Russland. Die Kurden wissen, dass die Türken keine Konfrontation mit Russland wagen können.

Es liege, so fiel einem kurdischen Politiker gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters ein, in der Verantwortung von Damaskus, seine Grenze selbst zu schützen. Das sieht auch Moskau so. Russland könnte als Verbündeter kurdischer Kräfte Assad-Truppen wieder die Kontrolle über bestimmte Gebiete im Norden überlassen. Was die Pläne für eine türkische Militäroffensive begraben würde. So steht die Türkei ohne Ausgleichsmacht gegen Russland da. Putin und Assad bleiben dabei die wahren Profiteure des US-Abzugs.