Zwei Stunden in Buxtehude © Illustration: Monja Gentschow für DIE ZEIT

Vielleicht liegt es an dem seltsamen Namen. Oder an dem Irrglauben, Buxtehude existiere nur in einer Fantasiewelt, irgendwo zwischen Posemuckel und Hintertupfing. Andernorts jedenfalls ernten die Buxtehuder für gewöhnlich Spott und schlechte Witze. Bedenken Sie das, wenn sich am Bahnhof die S-Bahn-Türen öffnen.

Die geschundene Seele der Stadt braucht Anerkennung.

Es beginnt schon in der Bahnhofstraße. Lassen Sie sich von den schnöden Fassaden nicht täuschen: Sie befinden sich auf dem Buxtehuder Walk of Fame! Im Boden vor Marktkauf, Kik und Woolworth entdecken Sie Messingtafeln mit Namen wie Michael Ende oder Jostein Gaarder. Schriftsteller, die in den vergangenen Jahren den "Buxtehuder Bullen" gewonnen haben, einen renommierten Jugendliteraturpreis. Gut, Jugendbücher haben vielleicht nicht das Fame-Potenzial von Hollywood-Blockbustern, aber prominenten Besuch treibt der Bulle hin und wieder doch in die Stadt. Stephenie Meyer etwa, Autorin der Twilight- Vampirbücher. Sie traf in Buxtehudes empfindsames Herz, als sie den Preis 2008 erst mit zwei Jahren Verspätung abholte. Begründung: Bin sowieso gerade in Deutschland.

Nach ein paar Hundert Metern überqueren Sie das Flüsschen Este und stehen auf Buxtehudes Einkaufsmeile. In hanseatischem Understatement heißt sie schlicht Lange Straße. Betongrau wird zu backsteinrot, auf Nachkriegsblocks folgen Fachwerkhäuschen. Die Altstadt hat sich herausgeputzt.

Vor den Geschäften fallen Ihnen die quietschbunten Hasen und Igel in Menschengröße auf. Buxtehude ist nicht nur Hansestadt – übrigens seit 2014 ganz offiziell wieder –, sondern auch Märchenstadt. Auf einem Acker in der Nähe, so notierten die Brüder Grimm, gewann ein schlauer Igel mit einer List das Wettrennen gegen einen nicht ganz so schlauen Hasen. Der Igel postierte am Ende der Strecke einfach seine Frau, die ihm zum Verwechseln ähnlich sah. Der Hase fiel darauf herein und starb vor Erschöpfung beim vierundsiebzigsten Versuch einer Revanche. Das Märchen ging um die Welt und mit ihm wohl auch die Vorstellung, dass die ganze Stadt ein Märchen sei.

An der St.-Petri-Kirche biegen Sie links ab. Nach wenigen Metern erreichen Sie das Herz der Stadt. Hier am Fleth, sagen die Buxtehuder, sehe es aus wie in Amsterdam. Der erste Eindruck passt: ein Kanal in der Mitte, Bäume links und rechts, am Rand viel schiefes Fachwerk. Der ehemalige Hafen wurde vor 750 Jahren nach niederländischem Vorbild angelegt. Coffeeshops und hippe Galerien werden Sie allerdings keine finden. Stattdessen bestickte Decken in den Schaufenstern, gegenüber ein Fachgeschäft für Orthopädieschuhtechnik. Aber Sie wollten ja wertschätzend sein, gönnen Sie den Buxtehudern ihren Vergleich.

Immerhin gibt es guten Kaffee. Iwersen Kaffee, eine Zwei-Mann-Rösterei direkt am Fleth, benennt seine Sorten schlicht nach den Herkunftsländern. Kenner bestellen einen "doppelten Brasilien".

Gestärkt wenden Sie sich nach rechts für einen Spaziergang am modernen Teil des Hafens. Leider müssen Sie dafür die viel befahrene Hansestraße überqueren, die über die Este verläuft. Vor Jahren hatte die Stadt eine geniale Idee: Ein Schwimmsteg sollte es den Fußgängern ermöglichen, unter der Brücke sicher auf die andere Seite zu kommen. Leider vergaß sie, dass das Flüsschen so nah an der Nordsee den Gezeiten unterliegt. Bei Flut blieben zwischen Brückenunterkante und Steg gerade 85 Zentimeter zum Hindurchrobben. Wieder Hohn, diesmal in der Satire-Sendung extra 3. Heute künden von dem Malheur noch die Zugangsstiege, die Paddler zum Ein- und Aussteigen nutzen.

Auf dem Rückweg genießen Sie das Fleth in seiner vollen Länge. Ganz am Ende sehen Sie ein Schild mit der rot leuchtenden Schrift "Bierbaum". Treten Sie ein, und setzen Sie sich auf eins der barock anmutenden Sitzmöbel oder direkt an die Bar. Bei einem kühlen Bier zählen Sie die Schallplatten an der Decke (Schätzung des Autors: 417) oder schnacken mit den bierseligen Tresengästen. Über Bullen, Igel und Amsterdam. Oder über Michael Schulte, Popstar, Bambi-Gewinner und Sohn der Stadt. Der kommt zwar aus Schleswig-Holstein und wohnt erst seit Kurzem hier. Aber pssst – die Seele ...