China hat ein Schuldenproblem. Seit der Finanzkrise 2008 wuchs die Wirtschaft zwar weiterhin kräftig. Doch dieses Wachstum war mit exzessiven Investitionen auf Pump erkauft. Die öffentlichen Haushalte und die Unternehmen sind darum heute hoch verschuldet. Wie hoch, ist nicht einmal durch die Aufsichtsbehörden genau zu bemessen. Ein Großteil der Kredite in China wird nämlich vorbei an offiziellen Bankbilanzen vergeben – über sogenannte Schattendarlehen und oft halbseidene Vermögensverwaltungsprodukte.

Die amerikanische Rating-Agentur S&P Global schätzte die Größe dieses versteckten Schuldenbergs im Herbst vergangenen Jahres auf sechs Billionen Dollar – das entspricht knapp der Hälfte der gesamten chinesischen Wirtschaftsleistung. Der Grund liegt in strukturellen Defiziten des chinesischen Finanzsystems: Vorschriften bei der Vergabe von Krediten zu umgehen und Bilanzen zu frisieren gehört bei den großen Banken zum Alltag. So erhalten Menschen und Institutionen Kredite, die sie nach geltenden Risikoregeln nicht bekommen dürften. Zudem bevorzugen die Finanzinstitute bei der Vergabe von Darlehen staatliche Firmen. Kleinunternehmer und Privathaushalte haben somit kaum Möglichkeiten, Darlehen aufzunehmen.

Sparer wiederum haben Schwierigkeiten, gewinnbringend Geld anzulegen. Das Vertrauen in den chinesischen Aktienmarkt ist nach schweren Kursstürzen in der Vergangenheit gering. 2018 war in dieser Hinsicht ein besonders übles Jahr, das mit einem der schlechtesten Ergebnisse der vergangenen Dekade in die chinesische Börsengeschichte eingehen dürfte. Der wichtige Aktienindex Shanghai Composite verlor im Kalenderjahr etwa ein Viertel seines Wertes.

Auch die Immobilienmärkte sind überhitzt. Die Preise für Wohnungen und Häuser sind mittlerweile so hoch, dass fraglich ist, ob sich die Ausgaben dafür überhaupt noch lohnen und ob diese sich – zum Beispiel in Form von Mieteinnahmen – jemals wieder erwirtschaften lassen.

Auch wegen dieser Situation boomte fast zehn Jahre lang das Geschäft mit undurchsichtigen sogenannten Peer-to-Peer-Krediten (P2P), bei denen private Sparer Geld verleihen. Zu Spitzenzeiten legten 50 Millionen Chinesen ihre Ersparnisse auf entsprechenden Internet-Plattformen an, die Sparer an Kreditnehmer vermitteln. Die Zinsen auf diesen Plattformen liegen üblicherweise weit über den Sätzen staatlicher Banken. Viele Online-Anbieter versprachen Anlegern hohe zweistellige Renditen.

Ursprünglich kommt das P2P-Modell aus Großbritannien, nirgendwo aber war es so erfolgreich wie in China: Dort verdoppelte sich das gesamte P2P-Kreditvolumen zuletzt innerhalb von zwei Jahren. Viele der chinesischen P2P-Plattformen funktionierten allerdings nach einem betrügerischen Schneeballsystem. Sie befriedigten also die Ansprüche von Anlegern mit den neuen Einlagen anderer Kreditgeber. Diesen Sommer griffen staatliche Regulatoren schließlich durch. Panik machte sich breit, prompt brachen innerhalb weniger Wochen mehr als 600 der insgesamt 2.200 Plattformen wie Kartenhäuser zusammen. Millionen Chinesen verloren über Nacht sämtliche Ersparnisse. Vor dem Platzen der Blase steckten gut 200 Milliarden Dollar in der P2P-Branche.

Auf Weibo, dem chinesischen Äquivalent von Twitter, verbreitete sich der Abschiedsbrief einer 31-jährigen Frau viral, die umgerechnet 40.000 Dollar verloren und sich erhängt hatte. In Shanghai gingen Hunderte Kleinanleger auf die Straße und forderten vom Staat Hilfe ein. Im Pekinger Finanzdistrikt verhinderten die Behörden einen geplanten Protest, zu dem Demonstranten aus ganz China angereist waren. Polizisten hielten sie bereits am Bahnhof auf oder verhafteten sie im Morgengrauen im Hotel.

Bislang hat der Staat den Kleinanlegern keine Entschädigung angeboten. 2019 wird die Regierung laut Berichten des US-Informationsdienstes Bloomberg zudem noch härter gegen die P2P-Branche vorgehen. Per Behördenanweisung sollen die Plattformen angehalten werden, die Vergabe von Krediten zurückzufahren.

Im Kampf gegen faule Kredite findet die Regierung sich allerdings in einem Dilemma wieder: China muss einerseits seinen gigantischen Schuldenberg abtragen, um das Risiko neuer Krisen zu reduzieren. Die könnten beispielsweise entstehen, wenn die Kredite plötzlich nicht mehr zurückgezahlt werden, weil etwa die Wirtschaft weniger gut läuft. Das Problem an seiner systemischen Wurzel zu packen, also Schattenbanken und P2P-Anbietern den Garaus zu machen, bedeutet allerdings, dass wahrscheinlich noch mehr Chinesen ihre Ersparnisse verlieren werden. Das wiederum birgt die Gefahr sozialer Proteste. Eine unzufriedene Mittelschicht, die um ihr Vermögen bangt, und Bilder von demonstrierenden Kleinanlegern kann Peking in Zeiten lahmender Konjunktur nicht gebrauchen.

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Dazu bleibt ein weiteres bekanntes Grundproblem bestehen: In China existiert noch immer keine Organisation wie die Schufa, welche die Bonität von Kreditnehmern ermittelt. Jeder Chinese muss seine Kreditwürdigkeit selbst nachweisen. Diese Lücke soll nun das Sozialkreditsystem schließen, das der Staat in den kommenden Jahren aufbauen will. Nach den Plänen der Regierung sollen über die 1,4 Milliarden Chinesen Sozialkredit-Akten angelegt werden. Dort bilanzieren die Behörden etwa Steuervergehen, ausstehende Schulden und Ordnungsverstöße. Mithilfe dieser Akten sollen die Menschen kontrolliert und zu zivilerem Verhalten erzogen werden. Die "guten Bürger" sollen belohnt, die "schlechten" bestraft werden. Ferner sollen auf diese Weise verlässliche Regeln in der Wirtschaft und im Finanzsystem durchgesetzt werden. Im Westen sorgt die Ankündigung des Aufbaus eines Sozialkreditsystems immer wieder für Entsetzen. Kritiker und Menschenrechtsaktivisten befürchten, dass es einen neuen digitalen Totalitarismus bedient, in dem alle Aspekte des Lebens staatlich überwacht werden.

Ein Hauptziel des Systems ist es, mittels des Sozialkredits einen Rahmen zu schaffen, in dem die Kreditwürdigkeit von Einzelnen, von Unternehmen und Behörden bewertet werden kann. In der chinesischen Bevölkerung findet das System überwiegend Unterstützung.