Nach meinen Jesus-Vorträgen werde ich oft gefragt: "Sind Sie eigentlich katholisch oder evangelisch?" Wenn ich dann sage: "Ich bin Jesuaner", erlebe ich ungläubiges Staunen. Zur Begründung füge ich hinzu: "Der wunderbare junge Mann aus Nazareth ist mein Vorbild, nicht das, was Theologen 2.000 Jahre lang aus ihm gemacht haben. Die wirkliche Reformation kommt weder aus Wittenberg noch aus Rom, sondern aus Nazareth."

Was hat der historische Jesus aus Nazareth, der Aramäisch sprach, wirklich gesagt und getan? Warum waren die Menschen damals "verrückt" nach Jesus – wie der Evangelist Matthäus schreibt –, und warum werden heute die Kirchen immer leerer? Warum ist die Bibel das meistgekaufte Buch der Welt, der Bestseller aller Bestseller, wird aber kaum noch gelesen?

Ich versuche es mit einer persönlichen Antwort: Nach meinem Studium der katholischen Theologie wurden mir die liberale Theologie von Hans Küng, die politische Theologie von Johann Baptist Metz, die tiefenpsychologische Theologie von Eugen Drewermann sowie die feministische Theologie von Hanna Wolff, Christa Mulack und Dorothee Sölle wichtiger als die Kirchen-Theologie. Aber erst 2012 lernte ich den ursprünglichen Jesus kennen – durch die Schriften des evangelischen Theologen Günther Schwarz, eines Pastors, der 50 Jahre lang jeden Tag Aramäisch gelernt hatte, um Jesus in seiner Muttersprache besser zu verstehen. Erst durch ihn wurde mir klar, was an Jesus relevant bleibt.

Wenn ich einen japanischen Germanisten frage, in welcher Sprache er Goethe studiert, sagt er natürlich: In Deutsch. Wenn ich aber einen Theologie-Professor frage: In welcher Sprache studieren Sie Jesus?, sagt er: In Griechisch. Wenn ich dann entgegne: Jesus sprach aber Aramäisch!, bekomme ich zur Antwort: Die Evangelien sind nur in Griechisch überliefert. – Das ist falsch. Doch für die meisten Theologen scheint das Aramäische geradezu tabu. Warum? Weil es eine Sprache der Verfolgten ist?

Unbestreitbar war Aramäisch die Muttersprache Jesu, genauer ein galiläisches Westaramäisch. Dazu gibt es eine Reihe von Wörterbüchern, die jeder Theologe benutzen kann. Außerdem gibt es im Talmud Aufzeichnungen in der Mundart Jesu. Weitere Quellen sind die Targumim, Übersetzungen alttestamentlicher Schriften ins Aramäische, und die altsyrischen Evangelien. Syrisch stand dem aramäischen Jesus-Dialekt sehr nahe. Allein in Deutschland leben heute über 80.000 syrische Christen, die diese Sprache immer noch sprechen. Für etwa 500.000 Menschen im Nahen Osten, vor allem in den Kurdengebieten Syriens und des Irak, ist das Neuaramäische Alltagssprache. Um 1915 lebten sogar noch über 100.000 christliche Aramäer in Ostanatolien; heute sind es in der gesamten Türkei nur noch wenige Tausend – eine Folge des Völkermordes, der neben den Armeniern auch Assyrer und Aramäer traf. Seit 1997 ist das Unterrichten der aramäischen Sprache in der Türkei verboten; ab 2014 wurden auch Aramäer durch den "Islamischen Staat" bedroht. Aramäisch sprechende Juden gibt es fast nur noch in Israel.

Fatal bleibt: Das heute kirchenoffizielle Neue Testament wurde aus dem Griechischen übersetzt, obwohl Jesus Aramäisch sprach. Der Unterschied zwischen Jesu Muttersprache aber und dem Griechischen damals ist etwa so groß wie heute der Unterschied zwischen Deutsch und Arabisch. Deshalb täten unsere Kirchen gut daran, den Jesus-Dialekt zu entdecken – wegen seiner ursprünglichen Wahrheit und seiner sprachlichen Schönheit. Der englische Aramäisch-Forscher Matthew Black sagt es so: "Der Eindruck, den Jesu Worte in Aramäisch machen, ist der von sorgfältig einstudierten Vorträgen im Stil Jesajas." Jesaja aber war jener erste große Schriftprophet des Tanach, der den Israeliten nicht nur das Gottesgericht verhieß, sondern auch den ewigen Frieden und das Kommen des Messias.

Wenn die Worte nicht stimmen, ist die ganze Botschaft falsch. Deshalb war die Erkenntnis des Jesus-Forschers Günther Schwarz so brisant: Mehr als 50 Prozent aller Jesus-Worte, die uns aus dem Griechischen überliefert sind, sind falsch übersetzt oder bewusst gefälscht. Schwarz (geboren 1928 in Hamburg, gestorben 2009) kam dem Ur-Jesus in über 50-jähriger Kleinarbeit auf die Spur. Er schrieb zu dem Thema 20 Bücher und über 100 wissenschaftliche Aufsätze. Als Grundlage benutzte er neben den oben genannten Quellen vor allem die Peschitta, die wichtigste Bibel des syrischen Christentums, deren syrisch-aramäische Handschriften aus dem 5. Jahrhundert stammen, deren Anfänge jedoch bis in das 1. Jahrhundert zurückreichen. Außerdem wusste er, dass alle Propheten der damaligen Zeit zu ihren Schülern in poetischer Versform sprachen, damit diese das Gesagte besser behalten und weitergeben konnten. Also übersetzte er alle überlieferten Jesus-Texte zurück in die aramäische Versform.

Für mich war diese Lektüre eine Offenbarung. Ein Beispiel aus dem Aramäischen hat inzwischen auch Papst Franziskus zum Umdenken gebracht, was die kirchenoffizielle Vaterunser-Bitte betrifft: "Und führe uns nicht in Versuchung". Diese entspringt einem jesusfremden Gottesbild, denn hier wird Gott mit Satan, dem Versucher, verwechselt. Der Vater Jesu jedoch (aramäisch: Abba) wollte niemanden "versuchen". Es ist bemerkenswert, dass Jesus seinen Abba kein einziges Mal als strafend, rächend, richtend, zürnend oder verdammend beschreibt. Dennoch wird die absurde Vaterunser-Bitte seit Jahrhunderten nachgeplappert. Papst Franziskus verwirft dieses Gottesbild in seinem soeben erschienenen Buch Vaterunser: "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Gott uns versucht." In der Übersetzung aus dem Aramäischen, die Günther Schwarz vorschlug, lautete die Bitte: "Lass uns retten aus unserer Versuchung." Ebenso sinnvoll ist der Franziskus-Vorschlag: "Und lass uns nicht allein in der Versuchung."