Lindner: Es überrascht mich immer, wenn sich Politiker festlegen, der Islam gehöre zu Deutschland oder eben nicht. Es gibt ja nicht "den Islam". Wie kann man dann sagen, "der Islam" gehöre dazu oder nicht? Das finde ich rätselhaft.

Frage: Da geht es doch um die Frage nach Identität.

Lindner: Oder um die Versuchung, Dinge zu vereinfachen, die sich nicht vereinfachen lassen.

Frage: Bei Union und SPD gibt es Sympathien für eine Moscheesteuer. Der Staat würde die Abgabe dann wie die Kirchensteuer automatisch von Mitgliedern muslimischer Gemeinden einziehen. Könnte das den liberalen Islam stärken, weil Geldgeber aus dem Ausland unwichtiger würden?

Lindner: Es ist richtig, dass islamische Gemeinden von den Gläubigen hier finanziert werden sollen. Finanzhilfen zum Beispiel aus Saudi-Arabien werden immer mit dem Versuch verbunden sein, religiös Einfluss zu nehmen, bis hin zur Radikalisierung. Das Modell der Kirchenfinanzierung in Deutschland über den staatlichen Einzug der Kirchensteuer ist nicht ideal, ich sehe derzeit aber keine Alternative hierzu. Grundsätzlich steht dieses Instrument auch muslimischen Gemeinschaften offen. Sie müssten sich aber selbst um die Anerkennung als Körperschaften des öffentlichen Rechts bemühen und ihre Mitglieder registrieren. Das kann nicht vom Staat aus organisiert werden.

Frage: Wie soll sich der Staat verhalten, wenn eine Richterin ein Kopftuch tragen will?

Lindner: Das Recht erlaubt das. Könnte ich es regeln, würde ich es anders machen. Wer sich auf die Seite des Staats begibt, der muss auch als Person weltanschauliche Neutralität zeigen. Das gilt in meinen Augen auch zum Beispiel für die Lehrerin.

Frage: Aber in Deutschland gilt die Religionsfreiheit.

Lindner: Ja, aber bei Amtspersonen im öffentlichen Dienst sehe ich eine Pflicht zur Zurückhaltung. Auch zum Beispiel ein offensiv getragenes Abzeichen einer demokratischen Partei würde ich bei einem Lehrer für inakzeptabel halten.

Frage: Was ist mit Privatleuten? Muss eine Muslima Ihrer Meinung nach die Burka ablegen, wenn sie dem Staat entgegentritt?

Lindner: Im Supermarkt soll jeder tragen können, was er möchte. Beim Elternsprechtag oder einem Behördengang kann man erwarten, dass Gesicht gezeigt wird. Das gilt auch für den Schwimmunterricht. Es darf da keinen Opt-out geben aus religiösen Gefühlen heraus.

Frage: Und wie steht’s mit dem Kopftuch für Schülerinnen?

Lindner: Das ist eine Frage der Religionsfreiheit, die man staatlicherseits nicht einschränken kann.

Frage: Aber Sie lehnen es persönlich ab.

Lindner: Nein, ich sehe es nur differenziert. Bei kleinen Mädchen in der Kita oder der Grundschule, also vor der Religionsmündigkeit, überzeugt mich nicht, dass diese Kinder Kopftuch tragen müssten. Deren Zahl steigt nach Berichten aus der Praxis.

Frage: Die Gegenseite sagt: Das Kopftuch tut doch niemandem weh ...

Lindner: Bei ganz kleinen Kindern könnte das Kopftuch eine Rollenprägung sehr früh verstärken und der Integration in die Gruppe entgegenstehen. Es hat den Schutz vor sexuellem Übergriff als Ursprung. Das kann ich bei einem Kindergartenkind, auch mit weiblichem Geschlecht, nicht erkennen. Den Verzicht darauf sehe ich aber weniger als Gesetz, sondern mehr als Empfehlung in der Hausordnung einer Kita oder Grundschule.

Frage: Eine solche Hausordnung hat vor Gericht aber sicher keinen Bestand.

Lindner: Ich bin nicht sicher, was das Bundesverfassungsgericht zu einem gesetzlichen Kopftuchverbot bei religionsunmündigen Kindern sagen würde. Eines weiß ich aber: Die rigorose Durchsetzung solcher Maßnahmen in der Praxis vor Ort brächte Probleme. Deshalb spreche ich von Empfehlungen, die man mit Eltern unter Hinzuziehung eines Imams besprechen sollte. Etwa so: "Ihr sechsjähriges Kind soll in der Schule Kopftuch tragen. Unser Staat erlaubt das. Wir finden das aber problematisch. Denn Sie wissen schon, dass Ihre Tochter dann von vornherein anders von den Kindern angeschaut wird? Wollen Sie das? Warum?" So stelle ich mir das vor.

Frage: Sie glauben wirklich, dass die Eltern dann sofort einknicken?

Lindner: Was ist denn Ihre Alternative zum Gespräch? Ich bin kein Freund von staatlichem Diktat, aber vom Dialog. Zumindest darf man nie unversucht lassen, einen Stein ins Rollen zu bringen.