Frage: Kritiker befürchten: Weil man das Kopftuch nicht will, entsorgt man die christlichen Symbole gleich mit. Es soll ja gerecht zugehen.

Lindner: Die Polemik halte ich für unnötig. Für mich ist jede Form der Symbolpolitik mit religiösen Zeichen gefährlich. Nehmen Sie einen alten Gerichtssaal. Da hat vielleicht einmal ein Amtsgerichtsdirektor anno 1956 ein Kreuz aufgehängt – ohne staatliche Anweisung. Und keiner hat daran Anstoß genommen. Das jetzt abzunehmen wäre ein Symbol, das von vielen Menschen missverstanden würde. Das wäre Wasser auf die Mühlen derjenigen, die Überfremdungsängste kultivieren wollen. Umgekehrt neue Kreuze hinzuhängen, wie das die bayerische Regierung ihren Behörden angeordnet hat, ist auch ein Symbol. Da wird plötzlich Religion zu einer politischen Kategorie, und das Christentum wird in einen Zusammenhang mit Wahlkampf und Staat gebracht. Letztlich wird das Kreuz profanisiert. Die katholischen Bischöfe haben sich daher zu Recht gegen diese Entscheidung der CSU gewehrt.

Frage: Der konfessionslose Christian Lindner würde sich im Gerichtsaal wirklich nicht an einem Kreuz stören?

Lindner: Nein. Auch in der Präambel unserer Verfassung gibt es einen Gottesbezug. Würde man heute eine neue Verfassung schreiben, dann würde es darüber eine Debatte geben. Aber das Grundgesetz ist nun einmal ein historisches Dokument. Und so gibt es auch Räume wie Gerichtssäle, in denen einmal ein Kreuz angebracht worden ist.

Frage: Aber ist es nicht schwierig, im Gerichtssaal das eine Symbol zu verbieten und das andere zu erlauben?

Lindner: Mir geht es um die kommunikative Intensität. Wo etwas war, soll es bleiben können. Zugleich ist mir wichtig, dass niemand das Gefühl hat, in der vielfältigen und toleranten Gesellschaft wird ihm etwas weggenommen. Wenn beispielsweise im Kindergarten nicht mehr Sankt Martin gefeiert wird, sondern ein Lampenfest. Ich habe übrigens noch nie gehört, dass Muslime darauf gedrungen hätten. Oft ist es eine vorauseilende Anpassung, die niemand gefordert hat.

Frage: Sympathisieren Sie mit dem österreichischen Islamgesetz?

Lindner: Ich habe das durch unsere Verfassungsjuristen prüfen lassen. Es enthält einige Festlegungen, die politisch sinnvoll sind. Aber allein schon wegen der Bund-Länder-Zuständigkeiten kann einiges nicht übertragen werden. Vor allem kann es nicht sinnvoll sein, dass jede Religion ihr eigenes Gesetz bekommt.

Frage: Manche werfen den Machern des Gesetzes eine kolonialistische Haltung vor.

Lindner: In die Debatte in Österreich mische ich mich nicht ein. Mir geht es um die Aufgaben, die wir haben. Ich halte es zum Beispiel für erstrebenswert, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden, in der Moschee Deutsch sprechen, dass die Finanzierung von Moscheevereinen aus dem Ausland kontrolliert wird, dass es einen Lehrplan für islamischen Religionsunterricht in den Schulen gibt.

Frage: Teilt man die Welt da nicht in "böse" und "gute" Muslime?

Lindner: Nein. Erzkonservative Muslime und ebensolche evangelikale Christen sind mir gleichermaßen suspekt. Wenn sie die Bibel wörtlich nehmen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie die Evolutionstheorie infrage stellen. Die müssen sich der Debatte stellen. Das ist die Anforderung, die der Liberale an den Gläubigen hat.

Frage: Das ist eine sehr rationalistische Sicht. Nach dem Motto: Eine Religion muss erst die Aufklärung durchlaufen und alles Irrationale abstreifen, bis man sie wirklich akzeptieren kann. Ist es dann noch Religion?

Lindner: Die Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Glauben hat die christliche Theologie bekanntlich längst hinter sich. Wenn man bei uns lebt, muss man sich zivilisatorischen Fragen stellen. In unserem Land muss jeder die Freiheit und eben auch Religionsfreiheit der anderen akzeptieren. Das ist die Grundlage unseres Zusammenlebens.

Frage: Wäre denn ein muslimischer Bundespräsident für Sie denkbar?

Lindner: Das kann man nicht pauschal sagen. Es kommt auf die Eignung einer Persönlichkeit an.

Frage: Bei der vergangenen Wahl zum Bundespräsidenten wurden im Vorfeld auch muslimische Namen genannt.

Lindner: Ich schätze die damals vorgeschlagenen Persönlichkeiten, aber ich hätte es auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise nicht empfehlenswert empfunden, genau mit dieser Begründung einer Religionsangehörigkeit eine solche Persönlichkeit zu wählen.

Frage: Wann ist Deutschland bereit für einen muslimischen Bundespräsidenten?

Lindner: Generell sollte nicht die Religion den Ausschlag geben, jemanden zum Bundespräsidenten zu wählen, sondern die Person. Ich würde meine Wahl eines Staatsoberhauptes als Mitglied der Bundesversammlung nur von der Persönlichkeit abhängig machen. Und für mich ist eine individuelle Religionszugehörigkeit nicht per se ein Qualitätsmerkmal oder ein K.-o.-Kriterium.

Frage: Können Sie sich auch einen muslimischen Bundespräsidenten vorstellen, der sich stark über seinen Glauben definiert?

Lindner: Ich will es Ihnen anders sagen: Es war mir völlig gleich, dass Joachim Gauck gleichzeitig Bundespräsident und evangelischer Theologe war. Es hätte mich auch nicht gestört, wenn er Atheist gewesen wäre oder Buddhist oder Muslim. Eingenommen hat mich sein Bekenntnis zum Grundwert der Freiheit.

Frage: Ein evangelischer Theologe ist also in Ordnung. Und ein Imam außer Dienst?

Lindner: Das möchte ich nicht abstrakt beantworten.