Frage: Ist es Ihnen wichtig oder nicht wichtig, dass Deutschland ein christliches Land bleibt?

Lindner: Ich sehe Deutschland als eine liberale Gesellschaft. Das Christentum ist nicht die Hauptquelle unserer Werteordnung.

Frage: Sondern?

Lindner: Dazu gehören auch: der Gedanke der Aufklärung, die Französische Revolution, das römische Recht, das antike Verständnis von Wissenschaft und Demokratie. Wer sagt, unsere Leitkultur ist christliches Weihnachtslied, Sauerkraut und Wagner-Oper, der blendet andere Quellen unserer Kultur aus und schließt Menschen aus. Mich zum Beispiel.

Frage: Ist das, was Sie über das Christentum wissen, die Draufsicht eines Außenstehenden?

Lindner: Ich bin zur Kommunion gegangen, aber nach meinem 18. Geburtstag aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Frage: Hat Sie die Institution Kirche gestört? Oder haben Sie sich gedacht: "Ich kann das einfach nicht glauben, was da erzählt wird?"

Lindner: (zögert) Es ist für einen naturwissenschaftlich interessierten Menschen wie mich eine Hürde, sich mit metaphysischen Fragen zu beschäftigen. Die Dogmen kommen noch dazu. Ich bin kein harter Atheist oder gar Kirchenfeind. Aber ich bin keiner, der einmal im Jahr pro forma in die Christmette geht. Das brauche ich nicht. Die Kant’sche Frage, was wir hoffen dürfen, habe ich für mich recht skeptisch beantworten müssen.

Frage: Sie haben nicht die Hoffnung, dass nach dem Tod noch etwas kommt?

Lindner: Ich würde mich sehr über eine positive Überraschung nach dem Tod freuen. Sollte es keine geben, stört’s mich auch nicht mehr. (lacht)

Frage: Aber woher beziehen Sie denn dann Ihren Trost, wo finden Sie Sinn?

Lindner: Ich versuche mich zum Beispiel so gut es geht an Immanuel Kants kategorischem Imperativ zu orientieren. Und ich lege mein Leben mit der kostbaren Ressource Zeit so an, dass es Sinn gibt und man für sich und andere etwas bewirkt hat.

Frage: Sucht Ihr rationaler Geist nie nach metaphysischen Antworten auf die großen Fragen des Lebens?

Lindner: Auf die großen Lebensfragen haben mich spirituelle Antworten bislang nicht sehr bewegt.

Frage: Hat Religion denn einen Wert für die Gesellschaft?

Lindner: Natürlich. Religion ist eine Quelle für Zusammenhalt, Sinn und Wertvorstellungen. Aber die für alle zugängliche Quelle ist eine andere: unsere Verfassung mit all ihren Werten. Für einen Christen ist das kein Widerspruch. Die Würde und Freiheit des Einzelnen sind die großen Innovationen des Christentums. Dazu passt auch die katholische Soziallehre, eine der Legitimationsgrundlagen für die freiheitliche Wirtschaftsordnung.

Frage: Jetzt klingen Sie wie Annegret Kramp-Karrenbauer ...

Lindner: Nein, ich will nur auf folgenden Gedanken hinaus: dass diese Gesellschaft einen Integrationskonsens braucht, den sowohl der säkulare als auch der religiöse Bürger für sich begründen kann. Und dass dieser nicht dem Christentum widersprechen muss.

Frage: Die katholische Nachkriegserzählung von Religion als Schutz gegen eine neue, überbordende Staatsideologie teilen Sie nicht?

Lindner: Wir sind heute weiter. In einer pluralen Gesellschaft hat aber sicher auch diese Erzählung ihre Anhänger. Annegret Kramp-Karrenbauer hat bei ihrer Bewerbungsrede zur Parteivorsitzenden ja etwas hervorgehoben, dass die CDU die Partei mit dem christlichen Markenkern sei. Was immer das genau bedeutet.

Frage: Nehmen Sie ihr diese Haltung ab?

Lindner: Ich glaube Annegret Kramp-Karrenbauer, dass sie das wirklich meint. Aber welche Ableitungen da rauskommen sollen, das erschließt sich mir noch nicht. Wir sind eine multireligiöse und multikulturelle Gesellschaft, zu der auch sogenannte "Biodeutsche" gehören, die nicht gläubig sind. Diese Gesellschaft braucht einen ethischen Minimalkonsens, der unabhängig von einer einzelnen Religion ist. Sonst fliegt der Laden auseinander.

Frage: Dann kann Ihnen die Renaissance des Christlichen in der CDU nicht gefallen.

Lindner: Ob es die überhaupt gibt, wird sich zeigen. Aber es gibt Indizien, dass die CDU in der Gesellschaftspolitik eher zurück- als nach vorne schaut. Frau Kramp-Karrenbauer fand einmal, dass Ehe für alle in einen Kontext mit Inzest gehört. Wir haben das auch gesehen bei der Diskussion um den Paragrafen 219a StGB. Ich sehe da restaurative Tendenzen. Wir werden uns dem entgegenstellen. Ich empfehle meiner Partei, sehr progressiv in der Gesellschaftspolitik zu sein. Ich glaube nicht, dass alle diese Form von Konservativismus wollen, auch nicht alle Christinnen und Christen.