Frage: Die CDU findet zu ihrem Markenkern zurück. Das kann auch eine Chance sein.

Lindner: Die Gesellschaft hat sich verändert, und die CDU ist heute eine Partei der Mitte, die – das soll sich gar nicht böse anhören – von ihrer Konturlosigkeit sehr profitiert hat. Sie ist frei von jeder Form der Ideologie. Man fummelt sich so durch ... keine großen Visionen ... nicht viel Pathos ... und dann die Ehe für alle ... na gut ... machen wir auch irgendwie so ... Davon hat die CDU ja gut gelebt und das Land auch nicht so schlecht. Und jetzt soll es ein Zurück geben? Ich denke: Diese ganzen Diskussionen um Kreuze an der Wand oder den Lebensschutz sind Bypässe. Es gibt eine identitäre Konfliktlinie in der Gesellschaft, die durch die Migrationsfrage offenbar geworden ist. Und statt die Migrationsfrage einfach zu lösen, durch ein weltoffenes, zugleich steuerndes Einwanderungsgesetz, werden andere identitäre Fragen kompensatorisch hochgezogen.

Frage: Wird an diesem Punkt Religion zu politisch für Sie?

Lindner: Die CDU ist eine Partei, die das C ja im Namen hat. Das ist aber nur eine Partei und nicht der Staat. Ich persönlich würde die CDU nicht wählen. (lacht)

Frage: Lassen Sie es uns anders versuchen: Ärgert es Sie, wenn Kirchen sich in die Politik einmischen?

Lindner: Nein! Die Kirchen sind gesellschaftliche Akteure und deshalb steht es ihnen natürlich frei. Bei mancher allgemeinpolitischen Äußerung frage ich mich aber, ob sie da eigentlich für alle ihre Angehörigen sprechen.

Frage: Zum Beispiel?

Lindner: Zum Beispiel bei mancher wirtschaftspolitischen Stellungnahme, die man so hört.

Frage: Früher war die Kirche ein Wutobjekt für viele Liberale. Sie klingen in unserem Interview hingegen erstaunlich sanft.

Lindner: Schon die Kirche der Neunzigerjahre wäre für mich kein Wutobjekt mehr gewesen. Ich würde aber sagen: Der jetzige Papst und sein Vorgänger sind für mich schwerer verdaulich als Johannes Paul II.

Frage: Was stört Sie an Franziskus?

Lindner: Seine konservative Haltung in bestimmten Glaubensfragen. Und das, was er wirtschaftspolitisch sagt, halte ich für einen Rückfall hinter "Centesimus annus" von Johannes Paul II. Denn es ist einzig geprägt aus der lateinamerikanischen Perspektive. Das finde ich fragwürdig für den Führer einer Weltkirche.

Frage: Dann wären die wirtschaftskritischen Kirchentage wohl eher nichts für Sie.

Lindner: Moment – wenn ich eingeladen werde, diskutiere ich überall strittig. Ich gehe zu Kirchen, zu Gewerkschaften, ich gebe sozusagen keine Seele verloren für den Liberalismus. Ich war vor ein paar Jahren auf einem evangelischen Kirchentag im Gespräch mit Friedrich Schorlemmer. Das hat niemandem wehgetan.

Frage: Vielleicht lädt der Präsident des Kirchentags 2019, Hans Leyendecker, Sie ja jetzt ein, wenn er das liest ...

Lindner: Immer gerne.

Frage: Ist ja in Dortmund ...

Lindner: Genau, das kann man sogar mit Fußball verbinden.