1. Michelle Renaud

Sie wird in diesem Jahr noch einmal von vorn anfangen. Alles auf eine Karte setzen. Das Risiko eingehen, zu scheitern. Alles geben, um zu gewinnen. Michelle Renaud, 43, will am Sonntag, 20. Oktober 2019, für die Bürgerlich-Demokratische Partei der Schweiz, die BDP, in den Nationalrat gewählt werden.

Noch einen Monat arbeitet Renaud als Journalistin für den regionalen Fernsehsender TeleBärn. Dort moderiert sie seit beinahe zwanzig Jahren die Nachrichten. Am 25. Januar geht Renaud zum letzten Mal auf Sendung. "Das wird happig", sagt sie. Dabei denkt sie an den Abschied von den Kollegen und den Zuschauern, an die Wehmut, die sie packen könnte. Mit welchen Worten sie sich von ihrem Publikum verabschieden werde, wisse sie noch nicht. Aber: Nach der Sendung werde es ein Abschiedsessen geben. Dann ist Schluss.

Ab Februar ist Renaud Politikerin. Neun Monate lang wird sie Wahlkampf machen. In einem Renault Express wird Michelle Renaud durch den ganzen Kanton fahren, vom Jura bis ins Berner Oberland, um mit potenziellen Wählerinnen und Wähler zu sprechen. Das Auto hat sie schon gekauft, einen Terminplan gibt es aber noch nicht. Renaud sagt: "Meine Agenda ist recht frei, ich möchte vieles spontan entscheiden." Sie nehme den Wahlkampf sehr ernst, wolle ihn aber nicht zu verbissen betreiben und vor allem: mit Freude.

"Networking-Day" statt Nachrichten

Wer mit Renaud in Kontakt kommen will, kann an einem ihrer "Renaudez-Vous" teilnehmen: an einem informellen Treffen in einer Beiz. Die Politikerin gibt im Internet bekannt, wann sie wo einen Kaffee trinken wird, und lädt alle ein, vorbeizukommen und mit ihr zu diskutieren. "Die Leute sollen jederzeit die Möglichkeit haben, mit mir zu reden."

Nun sitzt Michelle Renaud in einer Sofaecke eines neuen, modern eingerichteten Coworking-Space beim Berner Hauptbahnhof. Hier wird sie ab Februar jeden Donnerstag verbringen, ihren "Networking-Day", um Leute aus Verbänden und Parteien zu treffen und sich in politische Dossiers einzulesen: den UN-Migrationspakt oder die Gesundheitspolitik mit den beiden aktuellen Volksinitiativen der SP und der CVP, die zum Ziel haben, das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu bremsen.

Renauds wichtigstes politisches Anliegen ist der Kampf gegen Armut in der Schweiz. "Das ist meine Mission", sagt sie. Während ihrer Arbeit als Journalistin habe sie viele Menschen getroffen, die von sehr wenig Geld leben müssten. Eine alleinerziehende Mutter zum Beispiel oder einen Rentner, der vierzig Jahre lang gearbeitet habe und jetzt nicht recht wisse, wie er durchkomme. "Das hat mich sehr beschäftigt", sagt Renaud.

Einsatz vor allem für die Schweizer Bevölkerung

Selbst bezeichnet sie sich als bürgerlich und konservativ und politisiert am rechten Flügel der BDP. Sie wolle sich vor allem für die Schweizer Bevölkerung einsetzen, ist für ein Burka-Verbot, eine restriktive Migrationspolitik und glaubt im Zweifel, dass sich die Leute lieber selbst helfen sollen, als Unterstützung vom Staat zu erhalten. Die SVP sei ihr allerdings zu extrem, "der Politikstil der Polteris" entspreche ihr nicht, die FDP sei aus ihrer Sicht zu stark eine Vertreterin der Hochfinanz, und bei der CVP störe sie das C. "Religiös bin ich nicht", sagt Renaud.

Als die BDP 2008 nach der Abwahl von Christoph Blocher aus dem Bundesrat gegründet wurde, habe sie gleich gewusst: "Das ist meine Partei." Die Berner Sektion spaltete sich nach den Querelen um die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat von der SVP ab. Seither wählt Renaud deren Vertreter. Sie sagt: "Mir entsprechen die Werte der Partei, aber auch die Kultur, der Ton, der freundliche Umgang untereinander."

"Wenn ich es jetzt nicht versuche, werde ich es irgendwann bereuen."
Michelle Renaud

Renaud verfolgte die Entwicklung der BDP ein Jahrzehnt als Journalistin mit. Irgendwann begann sie mit dem Gedanken zu spielen, Mitglied zu werden, ein politisches Amt anzustreben. "Aber ich habe gewusst: Das bedeutet das Ende meiner beruflichen Karriere." Es sei ein langer Prozess gewesen, bis sie sich entschieden habe. Sie habe viel nachgedacht und mit ihrem Mann gesprochen. Mit ihm und der zehnjährigen Tochter lebt sie im "tiefen Emmental", wie sie sagt, in der 1300-Einwohner-Gemeinde Trub. "Mir wurde klar: Wenn ich es jetzt nicht versuche, werde ich es irgendwann bereuen", sagt Renaud.

Im Sommer 2017 erzählte Renaud dem ehemaligen BDP-Nationalrat Urs Gasche von der Idee, selbst in die Politik einzusteigen. Er war begeistert – und stellte ihr gleich einen Listenplatz für die Nationalratswahlen in Aussicht. Die offizielle Nomination findet im Februar statt.

Weil sie dann nicht mehr arbeitet, wird Renaud eine Weile von ihrem Mann finanziell abhängig sein, in den Wahlkampf wird sie Erspartes investieren. Es ist ein großer Einsatz. Weil Renaud überzeugt ist, dass die Mitte-Parteien in Zukunft eine wichtige Rolle dabei spielen werden, Kompromisse auszuhandeln. Es klinge vielleicht abgedroschen, sagt Renaud, aber sie wolle sich für Lösungen einsetzen, etwa in Bezug auf das Verhältnis der Schweiz zur EU. "Wenn mich ein Anliegen überzeugt, würde ich mit jeder Partei zusammenarbeiten, ich habe keine Berührungsängste."

Wo sie die eidgenössischen Wahlen im Oktober mitverfolgen wird, das weiß Renaud noch nicht. Zunächst will sie sich ganz auf ihre neue Aufgabe konzentrieren: den Wahlkampf.

Aline Wanner