Schlösser besuchen

Eigentlich wollte ich Prinzessin werden. Daraus wird nun wohl nichts mehr, denn inzwischen ist auch der letzte heiratsfähige Prinz unter der Haube. Aber wenn ich ehrlich bin, sind mir royaler Titel und Ehemann auch gar nicht so wichtig – eigentlich möchte ich nur das Schloss, danke sehr!

Sobald es um Schlösser und Burgen geht, brennt etwas in meinem Gehirn durch, und ich verwandle mich wieder in eine quengelnde Fünfjährige. Augen und Herz schalten zurück in den Kleinkindmodus. Im Schloss von Winchester zum Beispiel, weder der schönste noch der prunkvollste aller Königsbauten, stellte ich vor drei Jahren entzückt fest, dass Roben und Kronen zum Verkleiden bereitlagen. Schnell hatte ich mich vor eine Horde kleinerer Kinder gedrängelt und ihnen das hübscheste, mit fast echten Juwelen besetzte Stück vor der Nase weggeschnappt.

Die meisten Schlösser haben leider keine Krönchen im Angebot, dafür bieten sie hundert Räume voll Prunk und Pracht, die dieses Manko überstrahlen. Herrin von Schönbrunn oder Sanssouci zu sein? Eine Vorstellung, an die ich mich leicht gewöhnen könnte. Ich würde den ganzen Tag in wehenden Gewändern herumstolzieren, Zuckerwatte zum Frühstück essen (Prinzessinnen brauchen nicht zum Zahnarzt) und gelegentlich vom Balkon zum Volk hinabwinken. Kenner werfen jetzt ein, dass die Balkone in Schönbrunn und Sanssouci dafür ungünstig angebracht sind. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass ich bisher auch nicht Herrin dieser Häuser bin. Wäre ich es, dann gäbe es da auch anständige Balkone. So.

Einer meiner schönsten Schloss-Ausflüge führte mich gemeinsam mit meiner Freundin Samantha nach Versailles. Ich war seit geraumer Zeit von Kirsten Dunsts Darstellung der französischen Königin in Sofia Coppolas Marie Antoinette fasziniert. Auch ich wollte in einer Badewanne liegen und realitätsvergessen seufzen: "Sollen sie doch Kuchen essen!" Natürlich fanden wir auf unseren Streifzügen durch den Palast keine bespielbare Wanne, dafür aber einen idyllischen Teich im Schlossgarten, bei dem man, romantisch genug, Ruderboote mieten konnte. Kaum hatten wir jedoch die Mitte des Teichs erreicht, als es zu hageln begann. Unter quietschendem Gezeter ruderten wir zurück, die Paddel gefährlich umherschwingend, denn keine von uns konnte damit wirklich umgehen. Es war ein klassischer damsel in distress -Moment – mit mir selbst in der Hauptrolle.

Nicht alle folgen meinen märchenhaften Fantasien so bereitwillig wie Samantha. In Bacharach am Rhein durfte ich schon auf Burg Stahleck wohnen – als Betreuerin einer Jugendfreizeit, die Burg dient heutzutage als Jugendherberge. Natürlich musste ich einmal ins Turmzimmer steigen, um meine langen, seinerzeit rot gefärbten Haare in perfekter Rapunzel-Manier hoffnungsvoll aus dem Fenster zu hängen. Die Jugendlichen waren von meiner Aktion eindeutig überfordert, fanden sie peinlich und kindisch und konnten nicht verstehen, warum eine volljährige Person sich freiwillig dieser Schmach hingab.

Es stimmt schon: Ich werde nie eine Prinzessin nach Disney-Maßstab sein. Ich kann weder singen noch tanzen (außer wenn Macarena gespielt wird). Ich habe noch nicht einmal eine böse Stiefmutter – danke, Dad! Und meine Schlossträume stehen natürlich auch allen Werten entgegen, für die ich mich gemeinhin einsetze: soziale Gerechtigkeit, Feminismus, Demokratie, freie Meinungsäußerung ... Aber dieses Stückchen Oberflächlichkeit muss ich mir eben gönnen: jährlich ein paar schöne Stunden in Häusern mit Zinnen und Türmchen, in denen die Probleme der Welt verblassen.

Neulich war ich mit Samantha noch einmal in Paris. Wir wollten das ultimative Märchenschloss aus nächster Nähe bestaunen, das Dornröschen-Schloss im Disneyland. Es handelt sich dabei übrigens nur um eine entzückende Fassade, vor der sich nette Fotos schießen lassen. Aber egal, die Fassade allein reichte für einen ganzen Tag mit pochendem Herzen und kindlichem Enthusiasmus.

Danach ist mein inneres Dornröschen friedlich wieder eingenickt. Es weiß ja, dass es sicher bald wieder geweckt wird.

Noemi Harnickell mag auch die Tagebücher des Antarktisforschers Ernest Shackleton, Gedichte von Alexander Puschkin und Flohmärkte.