Wir hatten es mal so einfach. Damals, als wir Männer als Genies geboren werden konnten. Ach, das selige 18. Jahrhundert! Die Söhne französischer Akademie-Künstler zahlten keine Unterrichtsgebühren. Weil klar war, dass das Genie der Väter an die Söhne weitergegeben wird. Oder denken wir an die Renaissance. Leonardo da Vinci fiel als Universalgenie von einem universellen Himmel, einen Schweif göttlicher Funken hinter sich herziehend, der heute noch die Augen obrigkeitshöriger Spießer zum Leuchten bringt: Da Genie nicht gelernt werden kann, steht man als Normalo nicht unter Zugzwang und hat’s weiterhin gemütlich. Umso ergebener betet man jene Lichtgestalten an, die Gott und Natur geschaffen haben. Das Genie war das Pendant des gottgesalbten Königs – sein Stand stand nicht infrage.

Genie als natürliche oder wahlweise göttliche Gabe war ein heimliches Wellness- und Entlastungsprogramm, von dem Männer jahrhundertelang profitierten. Auch wer selbst kein Genie war, durfte sich immerhin auf der genialischen Seite der Geschlechterordnung wissen. Denn dass nur das "zeugende", nicht aber das "empfangende" Geschlecht geniebefähigt war, galt in Herrenreiterkreisen zumeist als ausgemachte Sache. Und solange soziale und politische Ordnungen als gottgegeben oder natürlich angesehen wurden, blieb das in unseren Breitengraden auch so. Bis der große Verflüssigungsprozess der Moderne begann.

In ihrem wegweisenden Artikel "Why Have There Been No Great Women Artists?" warf die Kunsthistorikerin Linda Nochlin 1971 eine einfache Frage auf: Was wäre aus dem Genie Pablo Picassos geworden, wenn er als Mädchen zur Welt gekommen wäre? Hätte sein Vater eine Pabla auf dieselbe Weise gefördert? Eher nicht, meinte Nochlin. Zwar gestand sie durchaus zu, dass es besondere Talente gibt. Doch während manche von ihnen zu dem werden, was man ehedem "Meister" zu nennen beliebte, gehen andere trotz ihrer herausragenden Begabung unter oder fristen eine allenfalls mittelmäßige Existenz. Das Genie lebt somit von Voraussetzungen, die es selbst nicht garantieren kann. Vor diesem Hintergrund stellte Nochlin fest: "Große" Künstlerinnen hat es tatsächlich nicht gegeben, weil die sozialen und institutionellen Voraussetzungen schlicht nicht vorhanden waren.

Das aus nichts als dem Wunder seiner Existenz schöpfende Genie deutete Nochlin als Religionsersatz. Tatsächlich florierten Geniediskurse vor allem in der Romantik – nur um in den Mythos des kreativen Individuums auf dem freien Markt zu münden. Aus dem zeitlosen Genie wurde der demokratisch-meritokratische Selfmade-Man. Später traten Selfmade-Women an seine Seite. Das war zwar eine heilsame Gender-Rosskur und brachte Dynamik in die Gesellschaft. Andererseits versperrte nun kein mystischer Riegel mehr die Tür zu einem nüchtern-kapitalistischen Menschenbild. So heißt es in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften: "Der Sport und die Sachlichkeit [sind um 1900] verdientermaßen an die Reihe gekommen, die veralteten Begriffe von Genie und menschlicher Größe zu verdrängen." Das alte Genie ließ sich weder erklären noch quantifizieren. Das "neue Bild der Männlichkeit" indes orientiert sich bei Musil an allem, dessen Leistung und Bedeutung sich messen und in Zahlen ausdrücken lässt. Das neue Bild der Weiblichkeit sollte bald dazu aufschließen.

Heute spielt der Geniebegriff keine wesentliche Rolle mehr in den liberalen westlichen Gesellschaften – vergleichbar mit dem Mann als solchem, der nur mehr ein Wesen unter vielen ist und seine Geburtsprivilegien am Gleichstellungsschalter abgibt. Damit endet das Wellness- und Entlastungsprogramm des Geniekultes. Die, die als Genies gegolten hätten, sind keine mehr und müssen sich neu erfinden. Diejenigen aber, die keine Genies waren und wussten, dass sie keine werden konnten, sind nun versucht, sich genieäquivalenten Status zu erarbeiten. Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden – ob Frauen, Männer oder Drittgeschlechtliche. Die Überwindung des Genies ist somit ein Pyrrhussieg: Der göttliche Funke erlischt in einer digitalen Flut nicht weniger esoterischer How to become a genius-Ratgeber, das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz.