Wir wissen nicht, wann der erste Mensch zu einem Stock griff, um eine erklärende Skizze in den Staub zu ritzen. Oder ob er dazu den großen Zeh nahm.

Wir wissen noch immer nicht, wozu genau unsere Vorfahren Mammuts, Bisons oder Pferde auf Höhlenwände malten. Erstes Lehrmaterial über die Jagd, etwa Taktik-Skizzen? Zielscheiben gar? Rituelle Gemälde? Frühe Tapeten?

Sicher ist nur: Mag am Anfang das Wort gewesen sein – aus der Kommunikation der Menschen ist das Bild nicht mehr wegzudenken. Piktogramme leiten uns durch den Verkehr oder warnen uns vor Gefahren. Balken und Torten begleiten Wahlsiege und Niederlagen. Sie machen Mengen und deren Vergleiche zugänglich. Abstraktes, Unsichtbares wird durch Grafiken verständlich. Und manche grafische Erklärung gerät dabei unversehens zur Ikone: die gewundenen Molekülschlangen der Doppelhelix von James Watson und Francis Crick etwa. Oder es entsteht ein ideologisches Zankobjekt: die Hockeyschläger-Kurve zur globalen Erwärmung, berechnet von den Klimaforschern Michael E. Mann, Raymond S. Bradley und Malcolm K. Hughes.

Die Grenzen zwischen Grafik und Kunst verschwimmen zuweilen, so beim Modulor, dem menschlichen Proportionsideal des Architekten Le Corbusier, oder bei da Vincis vitruvianischem Menschen, der mit Fingerspitzen und Fußsohlen die ihn umrahmenden Formen, Kreis und Quadrat, berührt.

Grafiken sind objektiv und suggestiv zugleich. Ein Strich zeigt unverkennbar eine Verbindung, ein Pfeil eine Richtung, eine Kurve eine Entwicklung, ein Balken eine Menge. Rot ist heiß, und Blau ist kalt. Oder Rot ist schlecht, und Grün ist gut. In die Richtung dicker Pfeile bewegt sich mehr als in die Richtung dünner Pfeile.

Seit 500 Ausgaben gibt es im Ressort Wissen der ZEIT eine Infografik-Seite. Sie soll erklären und illustrieren, erstaunen und unterhalten. Und ein Gegengewicht bilden zu langen Texten.

Es ist eine der anspruchsvollsten Seiten der ZEIT. Wo der Textautor ein relativierendes "etwa" einfügt, wenn er eine Größe nicht genau beziffern kann, muss der Rechercheur der Grafikseite nachbohren, abwägen und entscheiden. Wo Sprache die Beziehungen im Ungefähren lassen kann, ist im Bild eine Linie immer eine Linie. Eine, die trennt, oder eine, die verbindet.

Bei keiner anderen Seite ist die Zusammenarbeit zwischen Textredaktion und Gestaltung so intensiv. Wie viel Informationsdichte muss, wie viel darf sein? Welcher Illustrator hat den passenden Strich? Auf Grafikseiten fallen unseren Lesern Fehler besonders schnell ins Auge. Wie jene Falschberechnung des durchschnittlichen Kaugummiverbrauchs der Menschheit aus dem März 2016. Sie hätte bedeutet, dass jeder Mensch vom Baby bis zum Greis jährlich auf mehr als 250 Streifen herumkaut.

Ihre scheinbar objektive Überzeugungskraft kann Grafiken auch gefährlich werden lassen. Sie schaffen Tatsachen, scheinen keinen Widerspruch zu dulden. So einfach sie wirken, so anspruchsvoll ist es, sie richtig zu lesen. Auf Achsen und Skalen zu achten, auf Lücken und Legenden.

Die 500. Infografik-Seite ist gleich eine doppelte: Wir zeigen, wie politisch Grafiken gewählt sein können. Aufgepasst, wenn jemand mit dem Stock einen Pfeil in den Staub zeichnet. Er könnte in die falsche Richtung weisen. DZ