Im Gemeindesaal des Städtchens Louviers in der Normandie hat sich Ingrid Levavasseur in die letzte Reihe auf einen Plastikstuhl gesetzt. Trotzdem erkennt man sie sofort an ihrer gelben Weste. Zudem war sie zuletzt sehr oft im Fernsehen. Auch an diesem Tag wird sie von einem Kamerateam des Senders TV1 aus Paris begleitet. Vorn spricht ein Mann des Präsidenten, Bruno Questel, Vize-Fraktionschef der Macron-Partei La République en Marche in der Nationalversammlung und Abgeordneter der Gegend. Er will seine Zuhörer besänftigen und darüber aufklären, was der Präsident alles für die Gelbwesten getan hat. "Frau Levavasseur, ich habe viermal mit Ihnen telefoniert, und Sie sind eine von den Medien anerkannte Person", sagt Questel. Da endlich hebt Levavasseur ihre Hand und sagt: "Ich bin gekommen, um Ihnen zuzuhören, Herr Questel, aber Sie haben kein Wort über das reale Leiden der Menschen hier gesagt." Applaus.

Viel mehr muss Levavasseur an diesem Abend gar nicht sagen. Sie hat die Leute von Louviers und viele in Frankreich sowieso auf ihrer Seite.

Am nächsten Morgen besucht Levavasseur, 31, ihre Mutter und ihren Stiefvater. Weit draußen auf dem flachen normannischen Land sitzt der 53-jährige Bauunternehmer Eric Boudier am dritten Adventssamstag vor einer Tasse Kaffee und spricht über seine Stieftochter, die draußen vor der Haustür steht, weil sie noch mit ihren Kameraden telefoniert. Ihr Stiefvater beobachtet die junge Frau wohlwollend. "Ach, wissen Sie, die Revolutionen haben immer mit der Stimme einer Frau begonnen", sagt er. "Schon bei der Volksfront 1936 haben die Frauen mitgekämpft, 1968 bei den Studenten das gleiche Ding." Was er damit wohl sagen will: Diese Revolution hat mit ihrer Stimme begonnen.

Wer der Krankenpflegerin Levavasseur aus der Normandie in den Wochen der sozialen Revolte in Frankreich zuhörte, der ahnte schnell, dass Präsident Emmanuel Macron den Kampf verlieren würde. Erst im kleinen Kreis der eigenen Familie, dann auf den Autobahnbarrikaden und schließlich im Fernsehen vor der ganzen Nation redete Levavasseur ihren Präsidenten an die Wand, bis der nicht mehr anders konnte, als zusätzliche Sozialausgaben über zehn Milliarden Euro zu verkünden. Vielen Gelbwesten reichte das nicht, aber eine war glücklich: "Lasst uns über die Feiertage einen Waffenstillstand einhalten", schrieb Levavasseur auf ihrer Facebook-Seite.

Gut möglich, dass die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern in Zukunft wieder zurück in ihren Alltag muss. Doch schon heute ist Levavasseur ein Stück französischer Geschichte. Wer später einmal nach einem Gesicht für die "Revolution der Mittelschicht" sucht, wie der französische Weltökonom Élie Cohen den gegenwärtigen Aufstand nennt, wird auf sie stoßen. Wer in einigen Jahren nach den Gründen für die erste große Niederlage des zuvor gefeierten französischen Präsidenten Emmanuel Macron forschen wird, der wird ihre Reden und Auftritte studieren. Vielleicht geht sie dann längst wieder jeden Tag zur Arbeit und hat keine Fernsehauftritte mehr. Aber an Neujahr 2019 ist sie das landesweit bekannte Symbol jener 80 Prozent Franzosen, welche die Revolte der Gelbwesten unterstützen.

"Krankenpflegerin, die 1.250 Euro im Monat bekommt, während sich die Aktionäre die Taschen vollstopfen", steht in blauen Filzbuchstaben auf Levavasseurs gelber Warnweste, die sie jeden Samstag trägt. Sie will damit nicht aufhören. Die Weste ist ihr Programm. Noch ein zweiter, selbst geschriebener Satz steht darauf: "Macron, der König, hält es mit den Adligen, während das Volk mit offenem Maul träumt." Darunter eine Unterschrift: "Widerspenstige, stolze Gallierin." Mit solchen Botschaften hat sie die Franzosen erreicht.

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Levavasseur trägt die Weste inzwischen wie eine Uniform. Sie mag das: Seit ihrem 13. Lebensjahr ist sie bei der freiwilligen Feuerwehr. Da gab es auch Uniformen. Doch wie ist es ihr gelungen, dass die Politiker sie in ihrer Gelbweste ernst nehmen? Wie konnte sie die Macht von Macron schwächen?

Es war gar nicht so schwer. Die Gelbwesten gibt es seit dem 17. November 2018. An diesem Tag riefen zum ersten Mal eine Reihe von Einzelpersonen in den sozialen Netzwerken in Frankreich zum Protest gegen erhöhte Benzinsteuer auf. Auch Levavasseur demonstrierte an jenem Tag mit. Seither gingen die Gelbwesten an jedem Samstag auf die Straße. An drei Wochenenden hintereinander beteiligten sich jeweils über hunderttausend Menschen an den Aktionen, sie blockierten Kreisel und Autobahnen in ganz Frankreich. In Paris und anderen Städten kam es dabei auch zu gewaltsamen Ausschreitungen. Im Zuge der Proteste weiteten die Gelbwesten ihre Forderungen auf höhere Bezüge für Geringverdiener aus. Wichtig ist den Gelbwesten, genug für ein anständiges Leben zu haben. Aus ihrer Sicht reichen die heutigen Niedriggehälter und Niedrigrenten nicht mehr aus, um gesund zu leben, Kinder ordentlich zu versorgen oder auch nur die eigene Wohnung im Winter zu heizen.

Immer wieder stand auch Levavasseur auf einer Autobahnbarrikade in der Normandie, um von dort dem Fernsehsender TF1 die Gründe des Gelbwesten-Protests zu erklären. Beim Sender fand man, dass keiner das besser konnte als sie. Levavasseur bekam von allen, die über die Revolte sprachen, die meiste Sendezeit auf TF1. Sie stellte nämlich keine Forderungen. Sie sprach auch nicht zu viel über sich selbst. Die anderen Gelbwesten taten entweder das eine oder das andere. Sie aber erzählte aus ihrem Milieu, der unteren Mittelschicht. Zehn Prozent der Angestellten in Frankreich verdienen den Mindestlohn, und 40 Prozent von ihnen beziehen einen Lohn wie Levavasseur, der den Mindestlohn um nicht mehr als um ein Drittel übersteigt. Für sie alle, die Hälfte der Angestellten, sprach Levavasseur.