"Die Menschen um mich herum leiden. Sie können nicht in den Urlaub fahren. Sie können ihren Kindern keine neue Kleidung kaufen. Sie essen oft nur eine richtige Mahlzeit pro Tag. Sie schalten auch im Winter selten die Heizung an", erzählt sie bei sich zu Hause in einem kleinen Mietshaus in dem Städtchen Pont-de-l’Arche südlich von Rouen, der Hauptstadt der Normandie. Hier ist sie zu Hause. Hier ist sie aufgewachsen.

Es war kein einfaches Leben. Als Siebenjährige musste sie mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern für sechs Monate in ein Frauenhaus nach Rouen ziehen, ihr Vater war Alkoholiker und schlug seine Frau. Der Mutter gelang es mit viel Arbeit, sich und die Kinder durchzubringen. Levavasseur machte kein Abitur, verließ mit 16 das Haus, begann eine Lehre als Serviererin, bekam mit 18 eine Tochter und verschwand für drei Jahre zu ihrem Mann in die Bretagne. Länger hielt die Ehe nicht.

Levavasseur besann sich auf ihre eigenen Stärken: Bei der Feuerwehr machte sie Nachtschichten. Als Arbeitslose schloss sie die Ausbildung zur Krankenpflegerin ab. 2013 erhielt sie ihre erste Festanstellung in der Notaufnahme eines Krankenhauses. "Alle wollten Ingrid heiraten", berichtet lachend Hélène Fremont, 33, eine Krankenpflegerin aus der Nachbarschaft, die Levavasseurs liebste Kollegin, aber keine Gelbweste ist. Fremont spricht über Levavasseurs Professionalität und Empathie gegenüber den Patienten. Zusammen liefen die Frauen bis vor Kurzem regelmäßig Langstrecken, als Vorbereitung auf einen geplanten Triathlon. "Das war vor dem Protest", sagt Fremont. Seither lebt ihre Freundin in einer anderen Welt.

Kurz vor dem Jahresende treffen sich die Revoluzzer im kleinen Haus von Levavasseur. Fünf Männer sind gekommen, einer von ihnen hat seine Freundin mitgebracht. Es gibt Chips, Cola und Whisky. Die Gastgeberin ist jetzt auch die Chefin der Truppe, alle akzeptieren das. Aber sie leiden unter dem Waffenstillstand, den Levavasseur verkündet hat. Sie würden am liebsten jeden Samstag weiter die Autobahn blockieren und mit der Polizei raufen. "Auch Ingrid hat begriffen, wie die Polizei funktioniert", sagt Patrick Bouget, 40, ein arbeitsloser Sargträger von mächtiger Statur. Er erzählt, wie Levavasseur weinte, als die Polizei bei einer Aktion auf die Demonstranten einschlug. "Du hast dabei immer noch die Trikolore hochgehalten", sagt Bouget zu ihr. "Verstehst du jetzt nicht, warum andere Steine nehmen?"

Aber genau in diese Falle tappt sie nicht. "Wir brauchen jetzt Repräsentanten, sonst blüht uns bald eine Mehrheit für Le Pen", sagt Levavasseur, die bei der letzten Präsidentschaftswahl Macron wählte. Das wird sie so schnell nicht wieder tun. Die große Zukunftsfrage an jenem Abend lautet, ob der Rathaus-Hausmeister Cyrille Celier, 30, und der Krankenwagenfahrer Guillaume Quiniou, 48, die beim letzten Mal Le Pen gewählt haben, das wieder tun würden. Sanft versucht Levavasseur sie davon abzubringen. Sie will ihre bewährten Barrikadenkämpfer für eine Gelbwesten-Liste für die Europawahlen gewinnen. Parlament statt Barrikade, hieße das. Mitgestalten statt nur Widerstand.

Die Bewegung der Gelbwesten hat viel erreicht, was mit ein Verdienst von Levavasseur ist. Dieser Meinung schließen sich inzwischen auch intime Kenner des politischen Frankreichs an. "Man kann sie beschimpfen und nennen, wie man will: kleine Weiße, Rednecks, Bauernproleten, Rechts- oder Linksfaschisten. Sie werden nun für lange Zeit Teil unserer politischen Landschaft sein, weil sie dem Land bewiesen haben, dass sie eine reale soziale Kraft sind", schreibt einer der bekanntesten Leitartikler des Landes, Franz-Olivier Giesbert vom Magazin Le Point, über die landesweite Bewegung der Gelbwesten.

Nur was wird für Levavasseur bleiben? Sie geht weiterhin zur Arbeit, seit Ende Dezember hat sie einen neuen Job bei einem Krankenwagenbetrieb. "Wird das jetzt immer so sein, dass dich im Supermarkt jeder kennt?", fragt ihre Tochter. "Ich habe Angst, dass ihr doch noch was passiert", sagt Sylvie Bardor, ihre 57-jährige Mutter. Sie trägt auch eine Gelbweste, mit einer sehr kurzen Aufschrift: "Die Nase gestrichen voll!" Dass es ihre Tochter ist, die versucht, an den Zuständen im Land etwas zu ändern, findet ihre Anerkennung. "Ich war immer schon stolz auf meine vier Kinder, aber jetzt bin ich auf Ingrid besonders stolz", sagt sie.

Vor sechs Wochen war Ingrid Levavasseur nur eine Krankenpflegerin aus der Provinz. Nun ist sie das Symbol dieser Revolte, wie die unendlich oft abgebildete Marianne das Symbol der Französischen Revolution ist.

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