Es begann in Paris. Auf Wunsch des iranischen Schahs hatte der Diktator des Iraks, Saddam Hussein, den Ajatollah Chomeini aus dem irakischen Exil ausgewiesen. Kuwait verweigerte die Einreise. Da entschied sich der Ajatollah im Herbst 1978 kurzerhand für Paris. Dieser Entschluss, mitten in der westlichen Welt seine Zelte aufzuschlagen, dazu noch in einer Stadt, die nicht nur aus streng islamischer Sicht als Zentrum der Sünde und der Dekadenz gilt, wurde zunächst von seinen Sympathisanten für einen Fehler gehalten. Aber es sollte sich bald herausstellen, dass es die klügste Entscheidung war, die Chomeini hatte treffen können.

Dieser Mullah, der 15 Jahre lang im Irak gelebt hatte, dieser grimme Greis, der gegen den "gottlosen" Schah agitiert und im Exil weiterhin den islamischen Staat propagiert hatte, ansonsten aber von der Öffentlichkeit vergessen schien, stand nun mit einem Schlag im Licht der Kameras, umgeben von Journalisten aus aller Welt. Nahezu 80-jährig, fühlte sich der weißbärtige Alte wie neugeboren.

Unter einem Apfelbaum im Garten eines Hauses in Neauphle-le-Château vor den Toren von Paris saß der Ajatollah auf einem Perserteppich. Vor Hunderten kniender Jünger verkündete er sein Programm: "Die Stunde der Gerechtigkeit des Herrn hat für den Schah geschlagen. Dieser kleine Teufel auf dem Pfauenthron hat nur Sünde und Unheil über unser Land gebracht, wie ein Blutegel hat er das Blut unserer Jugend ausgesaugt und damit sich und seine Familie gemästet. Für ihn gibt es kein Erbarmen mehr. Ich bin gekommen, um dies vor aller Welt zu verkünden. Wir werden Millionen unschuldige Seelen befreien. All die Erniedrigten, Geknechteten, Ausgebeuteten, Hungernden werden endgültig die Freiheit erringen."

Der Ruf nach Freiheit war in der iranischen Geschichte nicht neu. Schon die konstitutionelle Revolution von 1906 hatte versucht, mit der herrschenden asiatischen Despotie und ihren feudalistischen Machtstrukturen endgültig zu brechen und den Sprung in die Moderne zu vollziehen. Sie scheiterte, weil die iranische Mittelschicht noch zu schwach und deren Gegner, die konservative Geistlichkeit und der Hof mitsamt den ihm hörigen Grundbesitzern, zu stark waren. Der damalige Kriegsminister Reza Khan, der sich selbst die Schah-Krone aufs Haupt gesetzt hatte, nahm dann, ähnlich wie Kemal Atatürk in der Türkei, die wirtschaftliche Modernisierung mit autoritärer Gewalt in die Hand. Die gesellschaftliche Entwicklung allerdings hinkte weit hinterher.

Der zweite Versuch begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals konnte die Mittelschicht, gestärkt durch die eingeleitete Industrialisierung, unter der Führung des Liberaldemokraten Mohammed Mossadegh für kurze Zeit die Macht erobern. Mithilfe der von ihm gegründeten Nationalen Front, eines Zusammenschlusses demokratisch und national orientierter Organisationen, gelang Mossadegh 1951 die Übernahme der Regierung. Diese setzte trotz gravierender Wirtschaftssanktionen die Verstaatlichung der Ölindustrie durch und trieb die Briten, die den Iran seit dem Ersten Weltkrieg quasi als ihre Kolonie betrachteten, aus dem Land. Nun hatte man endlich die Chance, die Entwicklung hin zu einer wirklichen Demokratie voranzutreiben.

Doch gemeinsam mit den Briten machten die USA diese Chance zunichte. 1953 organisierten sie einen Putsch. Mossadegh wurde gestürzt, der geflüchtete Schah Mohammed Reza Pahlevi, Sohn des Reza Khan, zurückgeholt und zum Diktator aufgebaut.

Dieser regime change hat tiefe Wunden hinterlassen, die bis heute nicht geheilt sind. Denn ohne diesen Putsch hätte es die 25-jährige Diktatur des Schah-Regimes nicht gegeben – und erst recht nicht die seit 1979 andauernde Herrschaft der Islamisten.

Nach der Installation des Schahs konzentrierte sich die Macht in den Händen einer Minderheit, die sich die Verwestlichung des Landes zum Ziel setzte. Diese Minderheit, die sich um den Hof scharte, bildete den kulturlosesten Haufen, der die iranischen Geschicke je gelenkt hat – kulturlos, weil sie weder mit der iranischen noch mit der westlichen Kultur vertraut war. Sie hatte keine Substanz. Über Nacht dank des Anstiegs der Ölpreise von Großgrundbesitzern oder Basarhändlern zu Großkapitalisten geworden, verhielt sich diese Machtelite wie ein Bauer, der zum ersten Mal eine Großstadt besucht.

Sie war völlig unproduktiv, bis zum Exzess konsumversessen. Abhängig vom Ausland, modellierte sie ihren Lebensstil nach westlichem Vorbild ohne westliche Werte. Für die Erhaltung ihrer Macht sorgten die mit amerikanischer und israelischer Hilfe ausgebaute Geheimpolizei und die 400.000 Mann starke, mit modernsten Waffen ausgerüstete Armee.

Lange Jahre hindurch herrschte Friedhofsruhe im Land. Dem Herrscher auf dem Pfauenthron war es gelungen, jede Kritik im Keim zu ersticken. Die einzige Opposition, die sich noch zu Wort melden konnte, befand sich im Ausland.