Die guten Vorsätze für das nächste Jahr, am Silvesterabend feierlich beschlossen, sind mit dem Neujahrskater meist schon verrauscht. Von etwas längerer Nachhaltigkeit dürfte da die Jahreslosung der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) sein.

Als der schwäbische Pfarrer Otto Riethmüller 1930 die erste Jahreslosung auswählte, war dieses Projekt noch fest in lutherischer Hand, wie überhaupt die Bibellektüre ein vorrangig pietistisches Anliegen war. Riethmüller, der auch Lieder und Theaterszenen für den christlichen Nachwuchs verfasste, leitete ab 1928 den Reichsverband der evangelischen weiblichen Jugend in Berlin. Es war die Zeit der ausklingenden Jugendbewegungen, die gegen Ende der Weimarer Republik in die Fahrwasser rechter und linker Ideologien gerieten. Parolen bestimmten den Geist jener Zeit. Riethmüller wollte ihnen etwas griffig Bekenntnishaftes entgegensetzen. Mit dem Römerzitat "Ich schäme mich des Evangeliums nicht" rammte er einen Pflock in die Erde. Immer mehr entwickelte er sich zum Gegner der Nationalsozialisten, war Mitglied der Bekennenden Kirche und protestierte öffentlich gegen die Entfernung jüdischer Mitbürger aus öffentlichen Ämtern.

Seither ist die Jahreslosung für viele Protestanten, Katholiken, Methodisten, Baptisten und Pfingstkirchler ein wichtiger Impulsgeber für das Jahr. Eine ökumenische Großtat! Und sie soll dazu anstiften, sich mit der Bibel eingehender zu beschäftigen, allein oder in Gemeinschaft. 24 Mitgliedsverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gehören der ÖAB an, die Jahreslosung wird in einem mehrstufigen Auswahlverfahren per Abstimmung ermittelt. Drei Jahre vor dem eigentlichen Termin verständigt sie sich auf eine Bibelstelle; im Februar 2019 tritt die ÖAB wieder zusammen, um nun für 2022 den Bibelspruch abzustimmen. In der Gastronomie wäre die Jahreslosung mit einem Appetizer vergleichbar, dem kleinen "Gruß aus der Küche", der den Appetit auf mehr anregen soll. Es gehört in einigen Gemeinden inzwischen zur Tradition, dass die erste Sonntagspredigt des Jahres auf der Jahreslosung aufbaut. Den Rest des Jahres soll der Spruch als Leitvers die Menschen begleiten.

Dass sich die Jahreslosung auch bei jungen Christen immer noch großer Beliebtheit erfreut, könnte daran liegen, dass diese "Bibel to go"-Variante über die politische Tagesagenda hinausweist, aber dennoch auch weltlich ausgelegt werden kann und soll. Das Bedürfnis nach frommen Übungen, nach tieferer Beschäftigung mit der Schrift steht heute längst nicht mehr im Gegensatz zu einem politischen Selbstverständnis oder einem ökologischen Bewusstsein. Die Jahreslosung 2019 heißt: "Suche Frieden und jage ihm nach." Der Psalm 34,15 könnte aktueller nicht sein.

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