Letztens ging ich zur Abwechslung mal im Sakko zur Arbeit. Ich fand es in den Tiefen meines Schrankes, hinten links. Eine zweiknöpfige, dunkelgrau karierte Anzugjacke der Firma J. Crew. Das ist angeblich die Lieblingsmarke der Obamas. Nicht, dass das hier irgendeine Rolle spielt. Ich wollte es nur mal erwähnen.

Ich hatte mir das Sakko vor vielen Jahren in New York gekauft. Ich dachte: genau das Richtige für einen Journalisten, der ich damals werden wollte. In gewisser Weise symbolisierte es den Glamour, den diese Berufswahl mir versprach. Und es sah auch super aus. Für genau ein Jahr. Dann begann ich im Journalismus zu arbeiten und wurde sofort so fett, dass es nicht mehr passte. Egal, ich hatte den Geschmack von Journalisten sowieso maßlos überschätzt.

Neulich merkte ich, dass das Sakko wieder passte, und beschloss, es doch endlich bei der Arbeit zu tragen. Ich ging in die Redaktion, aber irgendwas war komisch. Da waren diese Blicke. Und dann dauerte es nicht lang, bis der erste Kollege, den ich auf dem Gang traf, große Augen machte und sagte: "Ah, oh. Heute in Sakko."

Ich: "Äh ... genau." Mehr fiel mir zu dieser präzisen Feststellung nicht ein.

Nur kurze Zeit später trat ein anderer Kollege in mein Büro, um etwas mit mir zu besprechen. Sofort legte sich ein Schatten der Irritation über sein Gesicht. "Hast du heute noch einen Termin?"

Ich, wieder: "Äh." Und dann weiter: "Nein."

"Ich dachte nur ... wegen des Sakkos." Und dann hatte der Kollege vergessen, warum er überhaupt gekommen war. So ging es den ganzen Tag.

Das Reden über Klamotten kommt auf der Rangliste der Büro-Gesprächsthemen gleich hinter dem Reden über das Kantinenessen. Außer die Kaffeemaschine ist kaputt. Dann rutschen alle anderen Themen jeweils einen Platz nach unten. Ich finde das Klamottengespräch eher unangenehm. Und ich weiß von der ein oder anderen Kollegin, die gern hohe Schuhe trägt, dass es ihr genauso geht. Wie viele ernste Antworten kann man auf die rhetorische Frage "Boah, in den Schuhen kannst du laufen?" geben, bevor man richtig bitchy wird?

Schon klar: Klamotten trägt man auf der Haut, höre ich Sie sagen, nach außen, sie sollen gesehen werden. Ich dürfe mich also nicht beschweren ("Selbst schuld, wenn du dich so anziehst"). Kleidung, werfen Sie ganz richtig ein, ist halt Kommunikation. Aber eben nicht verbale. Deswegen ist es so unangenehm, darauf angesprochen zu werden. So verdammt unlässig, als ob man in einer Realität gewordenen Folge Stromberg gefangen ist. Gerade weil man mit dem, was man trägt, auch immer irgendetwas ausdrückt, ist ja mit dem Anziehen schon alles gesagt, das Statement (ob jetzt beabsichtigt oder nicht) bereits gemacht. Sicher, nicht immer eindeutig. Aber zum Erwachsensein gehört das Aushalten von Uneindeutigkeit eben dazu. Wenn aber erwachsene Menschen sich nicht davon abhalten können zu verbalisieren, was sie sehen, wirkt das immer ein bisschen so, als hätten sie irgendein Syndrom. Nennen wir es Büro-Tourette: "Schöner Tag heu... SAKKO! Kommst du mit in die Kantine ...SAKKO!"

Das Bürogespräch über Klamotten gibt es vor allem, um Abweichung zu markieren. Es sagt ja keiner: "Oh, heute mal im hellblauen Hemd von Olymp?" Oder: "Ach, eine Funktionsjacke. Du siehst wirklich aus wie jeder andere mittelalte männliche Büroangestellte auch." Nein, es sind immer die Kollegen, die sich was trauen, die einen Kommentar abbekommen. Sei es Leinenanzug, kurze Hose oder rosa Pumps. Style wird zwar nicht bestraft, aber notiert; und zwar im großen Buch der bürogemeinschaftlichen Homogenität. Und darum geht’s ja, um das stilistische Eingemeinden. Denn das Büro ist auch nur eine andere Form der Kohlegrube. Jeden Tag geht man in den Betrieb malochen, der Job schweißt zusammen, man wird Kumpel. Der Preis ist Individualität. Nur trägt man halt nicht Helm und Blaumann, sondern Steppjacke und Cardigan.

Ach, was hatte ich damals keine Ahnung von diesen Dingen, als ich in New York war und von dem glamourösen Leben eines Journalisten im geilen Anzug träumte.