Kunst = Kapital, schrieb Joseph Beuys 1979 auf 10-Mark-Scheine und machte sie damit sehr wertvoll. Erst vor zwei Jahren wurde so ein Schein für 3.810 Euro versteigert. Das ist natürlich nichts im Vergleich zum Rekord des vergangenen Jahres: 157 Millionen Dollar für Amedeo Modiglianis Aktgemälde Nu couché (sur le côté gauche), verkauft über Sotheby’s New York im Mai. "Der Star des Abends", teilte das Auktionshaus stolz mit und wies darauf hin, nie zuvor ein Werk so teuer verkauft zu haben.

Angesichts solcher Rekorde und der niedrigen Zinsen für viele andere Anlagen heißt es heute oft, Kunst sei die ideale Investition. Doch ist das wirklich so? "Wer sich den Kunstmarkt genauer anschaut, kommt zu einigen ernüchternden Erkenntnissen. Vor allem im Vergleich mit einem anderen Investment: dem in Aktien", sagt Kim Oosterlinck, Kunsthistoriker und Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Brüssel. Die Wertsteigerung selbst von gefragter Kunst entspräche über längere Zeiträume im Durchschnitt der von Unternehmensanleihen. "Dabei schwankt der Preis von Kunst ähnlich stark wie der von Aktien, die aber mehr Rendite einbringen", so der Forscher.

Der oftmals entstehende Eindruck, wonach Kunst ein super Investment sei, hat viele Gründe. Der augenscheinlichste ist, dass meist nur ein kleiner Ausschnitt, nämlich der besonders lukrative Teil des Marktes, betrachtet wird. "Über all jene Kunstwerke, die keinen Käufer finden oder ihren Wert nicht gesteigert haben, berichten die Medien kaum. Verständlich, schließlich ist das für das breite Publikum uninteressant", so Oosterlinck. Dass umgekehrt der Eindruck entsteht, Aktien seien riskant, lässt sich ebenso einfach erklären: Hier geraten auch Crashs in die Schlagzeilen.

Dann sagen Preise allein – seien sie auch noch so hoch – nichts über die Wertentwicklung eines Werkes aus. Nur wer weiß, zu welchem Preis eine Arbeit vom Verkäufer zuvor gekauft wurde, kann diese Entwicklung beurteilen.

Der dieses Jahr für 157 Millionen Dollar verkaufte Modigliani etwa erzielte im November 2003 bei einer Auktion 26,88 Millionen US-Dollar. Das Werk Nu couché (sur le côté gauche) hat also eine Wertsteigerung von 485 Prozent hingelegt, das entspricht fast einer Versechsfachung des Preises. (Derartige Zahlen liefern Datenbanken wie Artnet, Lot-tissimo, Mutual Art oder wie in diesem Fall Artprice.)

Eine solche Wertsteigerung sieht, in Dollar, Euro oder Prozent angegeben, sehr beeindruckend aus. Doch ist zur Bewertung wichtig, ob ein Plus von etlichen Millionen Dollar oder ein paar Hundert Prozent binnen einem, zehn oder dreißig Jahren erwirtschaftet wurde, und auch, was mit einer anderen Geldanlage hätte verdient werden können. Schließlich ist für Anleger der Zins pro Jahr relevant und ob sie mit Aktien oder Immobilien mehr Rendite machen können.

Für den Modigliani liegt die jährliche Wertsteigerung bei rund 13 Prozent. Damit schlug er den deutschen Aktienindex Dax, der immerhin noch 9 Prozent pro Jahr stieg, klar und ziemlich knapp auch noch den amerikanischen Nasdaq100, der jährlich fast 12 Prozent dazugewann. Das heißt aber auch, dass selbst ein Kunstwerk, das als ungewöhnlich teuer gilt und stark an Wert zugelegt hat, nur knapp an einem der bedeutendsten Aktienindizes vorbeigezogen ist. Und das nur, wenn Dividenden unberücksichtigt bleiben. Denn die müssten eigentlich noch auf die Wertentwicklung des Nasdaq100 aufgeschlagen werden.

Weil es sich beim Modigliani um ein besonders teures Bild handelt, liegt es nahe, dieses mit einem besonders erfolgreichen Wertpapier zu vergleich. Das relativiert die erzielte Rendite beträchtlich. Im Vergleich zur Aktie von Apple etwa sieht die Wertsteigerung des Modigliani nahezu schwach aus. Auf die Jahre runtergebrochen, legte die Apple-Aktie dreimal so stark zu wie das Gemälde. Im gesamten Zeitraum von November 2003 bis Mai 2018 lag Apples Plus bei 11.400 Prozent, der Wert der Aktie hat sich also mehr als verhundertfacht, der des Gemäldes stieg gerade mal um das knapp Fünffache.