Wo bleibt der Retter der Welt? Warum wird das teuerste Gemälde der Welt versteckt gehalten? Das ist derzeit das größte Rätsel im internationalen Kunstbetrieb. Zuletzt hat man das Leonardo zugeschriebene Gemälde Salvator Mundi öffentlich am Tag seiner Versteigerung gesichtet, bei Christie’s im Rockefeller Center in Midtown Manhattan. Der in der Schweiz geborene Christie’s-Mitarbeiter Loic Gouzer hatte zuvor das Gemälde mit einer geschickten Kampagne als Ikone beworben, als "letzten Leonardo" – in einem Video wurde es etwa auch von Leonardo DiCaprio bestaunt –, und es schließlich nicht bei den Altmeistern, sondern in der von ihm betreuten Auktion für moderne und zeitgenössische Kunst platziert. Ein irrwitziges Bietgefecht entspann sich um das Los Nr. 9B, das schließlich für 450.312.500 Dollar (inklusive Aufschlag des Auktionshauses) versteigert wurde.

Seither ist das Bild verschollen. Der Louvre-Ableger in Abu Dhabi hatte im vergangenen Sommer stolz verkündet, dass man die Holztafel vom 18. September 2018 an zeigen würde. Der Salvator Mundi unterstreiche den integrativen Charakter des Louvre Abu Dhabi, hieß es damals: "Das Meisterwerk von Leonardo da Vinci, das lange in Privatbesitz war, ist nun unser Geschenk an die Welt. Es gehört uns allen, die wir die Chance haben werden, vor ihm zu stehen und von der Meisterhaftigkeit eines der bedeutendsten Künstler der Geschichte Zeugnis abzulegen." Ohne Angabe von Gründen wurde der September-Termin für die öffentliche Zeugnisbesichtigung wieder abgesagt. Auf Fragen nach dem Verbleib des Gemäldes und den inzwischen laut gewordenen Zweifeln an der Provenienz und der Autorschaft des Gemäldes schreibt der Louvre Abu Dhabi nur, der Salvator Mundi sei vom Department of Culture and Tourism in Abu Dhabi angekauft worden, dort säße der richtige Ansprechpartner. Der antwortet allerdings auch auf wiederholte Nachfrage bis Redaktionsschluss nicht.

Im vergangenen Sommer ließ Abu Dhabi ebenfalls verkünden, dass der Salvator Mundi ab Ende Oktober 2019 in der großen Leonardo-Retrospektive des Louvre in Paris zu sehen sein werde. Der Louvre sagt nun – fast ein halbes Jahr später –, dass es zu früh sei, um über die Leihgaben für die Ausstellung zu sprechen. Zu den Fragen nach der Provenienz und der Autorschaft reagiert man in Paris distanziert: "Der Louvre kommentiert kein Kunstwerk, das nicht zu seiner Sammlung gehört." Und verweist wiederum an die dazu schweigende Kultur- und Tourismusbehörde in Abu Dhabi.

Und so wuchern die Gerüchte: Ein international tätiger Kunstberater hat gehört, das Gemälde befände sich in der Schweiz. Es gebe angeblich Probleme mit der Kaufabwicklung, womöglich sei das Gemälde inzwischen in der Obhut eines Treuhänders. Andere vermuten Auseinandersetzungen um die Herkunft, die Restaurierung, die Autorschaft als Grund für das Verschwinden. Mitte Dezember verkündete Christie’s dann überraschend den Abgang des Salvator Mundi- Vermarkters Loic Gouzer – der wolle sich in den kommenden Monaten um die Rettung der Weltmeere kümmern. Auf Fragen nach etwaigen Problemen mit dem Gemälde entgegnete Christie’s, es sei erfolgreich an die neuen Eigentümer übergeben worden, alle Parteien seien zufrieden.

Das Gemälde sei doch sowieso "Mist", sagt hingegen ein Händler aus dem internationalen Hochpreissegment, der nicht genannt werden will. Seit der Rekord-Auktion bekäme er laufend neue, "lachhafte" Leonardos von dubiosen Zwischenhändlern angeboten. Käme wirklich einmal ein Gemälde von Leonardo auf den Markt, könnte er das mit nur einem Anruf für eine Milliarde Dollar verkaufen. Aber der Leonardo müsse dann auch echt sein.