Natürlich ist das betrügerische Machwerk des Spiegel-Reporters Claas Relotius ein schwerer Schlag – für sein Magazin, für das Genre der Reportage und leider auch für einen vielerorts um seine Glaubwürdigkeit kämpfenden Journalismus, der in diesen Zeiten alles gebrauchen konnte, bloß das nicht.

Das Erschrecken, der Aufschrei sind berechtigt, aber manche Tonlage ist jetzt auch selbstgerecht und, ja, verlogen. Denn die betrügerische Energie von Relotius war so enorm, dass vermutlich jedes andere Medium ebenfalls darauf reingefallen wäre.

Als Relotius noch freier Journalist war, hat er eine Geschichte für das Magazin ZEIT Wissen und fünf Texte für ZEIT ONLINE geschrieben, von denen einer wohl ganz erfunden war. Bei einem Interview hat er nachweislich Passagen hinzugedichtet. Unsere Recherchen laufen weiter.

Warum ihm das beim Spiegel über so lange Zeit und in solchem Ausmaß gelingen konnte und warum der dort übliche penible Faktencheck nicht funktioniert hat – all das klärt das Blatt inzwischen gründlich und ohne Angst vor der eigenen Blamage. Man kann nur hoffen, dass der Fall Relotius beim Spiegel und anderswo einmalig bleibt.

Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte, wenn ausgerechnet die schwere Kunst der Reportage in Verruf geriete und Reporter sich künftig dafür rechtfertigen müssten, dass sie – wie unser Krisenreporter Wolfgang Bauer gerade auf ZEIT ONLINE schrieb – Fakten erst erfahrbar machen. Aus mancher gehässigen Kollegen-Bemerkung der vergangenen Tage sprach neben der begründeten Kritik auch militanter Neid.

Es gibt andere Auswüchse, die vielen Lesern oder Zuschauern weiß Gott mehr Unmut bereiten, etwa das manchmal penetrante Ineinanderfließen von Meinung und Fakten. Doch sei all jenen, die in der Relotius-Affäre einen Beleg für die angebliche Selbstherrlichkeit der Medien erkennen wollen, zugerufen: Medien legen ihre Fehler auch bloß, sie beheben sie, sie sind sich selbst korrigierende Systeme – nicht immer, aber immer öfter.

Das ist bei aller offensichtlich gewordenen Schwäche ihre große Stärke.

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