Frische Luft im Kopf

Anna von Münchhausen meditiert in Bayern

Der Star-Architekt hatte wenig Zeit. Oberbayern? Nie gehört. Ob er sich vorstellen könne, dort ein Meditationshaus für Hotelgäste zu bauen, wurde er gefragt. Das war etwa so bizarr, als ob ein Schuhplattler bei Let’s Dance anklopft.

Kengo Kuma, der berühmte Architekt aus Japan, legte tatsächlich einen Zwischenstopp ein, unterwegs von Tokio nach Frankreich, und erschien für vier Stunden im Elmauer Tal. Er ging in den Wald. Fand einen Platz, den er magisch nannte, und steckte ihn ab. Vier Ecken markierte er. Alle Bäume innerhalb des Quadrats sollten gefällt werden.

Dann flog er weiter nach Paris.

Ein Jahr später, es ist Winter. Zu zwölft stapfen wir einen Pfad hoch, schweigend. Wir steigen über knorrige Wurzeln, unter unseren Füßen knirscht der Schnee, aus den Bäumen tropft es unablässig, eintönig. Was mag uns oben erwarten, was treibt uns hierher? Träge fühlt sich jeder, missgelaunt und abgeschlagen, wie immer in diesen Tagen. Zu viel gegessen und getrunken, zu lange in der Bude gehockt. Reinen Tisch machen, Leere wäre eine prima Alternative. Die Luft ist auf 1030 Metern über dem Meeresspiegel schon mal frisch genug.

Dann stehen wir vor einer Art hölzernem Raumschiff, gelandet zwischen Buchen, Lärchen und vielen Fichten. Kengo Kumas Tempelchen, etwa 10 mal 15 Meter klein. Ein Haus, nur dazu da, in uns hineinzuhorchen.

Meditieren, drei Tage lang? Mein Mann hatte gleich abgewinkt. Als Alleinreisende bin ich ungeübt. Schon auf der Hinfahrt hatte ich Herzklopfen, als sich die Bahn hinter Murnau hinein ins Enge, Gebirgige schraubte. Theoretisch grandios, praktisch nix zu sehen, alles verhangen, was meinen nebulösen Vorstellungen entsprach von dem, was auf mich zukäme. Aber Meditieren bedeutet, sich vom Gewohnten zu entfernen, hatte ich gehört.

Anna von Münchhausen meditiert. © Roderick Aichinger für DIE ZEIT

Ruhebedürftigen macht es das Hotel Kranzbach leicht. Zwischen Buckelwiesen und Nadelwald liegt das Mini-Schlösschen mit Doppelgiebel, wie aus einer schottischen Ballade verpflanzt. Lang gestreckte neue Seitenflügel mit Spa-Bereich ducken sich dahinter. Stilvoll das Ganze, aber nicht protzig. Der weltläufigen Klientel wird, gut ausbalanciert, Verwöhnung und Aktivität geboten. Neues muss aber ein klitzekleines bisschen mehr hermachen als die Föhn-Anlage am Eingang, wo Gäste die nassen Pfoten ihrer Golden Retriever und Weimeraner trocknen. Nun können Kranzbachs Gäste also das Meditieren üben. Was – Star-Architekt hin, Meditations-Hype her – keinesfalls als Spökenkiekerei daherkommen sollte. Dafür ist Axel Zeman da, der Zen-Lehrer. Ein schmaler Mann Ende 50 in schwarzer Asien-Kluft, der die konzentrierte Innenschau in japanischen Klöstern eingeübt hat. Er liefert obendrein als Lehrer für Religion sowie Leiter einer Garmischer Kampfkunstschule genügend ideologische Elastizität, um Skeptiker einzufangen. Da rücken wir schon an, seine Lehrlinge. Werden wir diesen Ort gesünder, gelassener verlassen?

Wir betreten den lichten Raum; durch bodentiefe Fenster schaut der Wald so intensiv herein, wie es eine Fototapete nicht besser hinbekäme. Unter der Decke 1.550 Schindeln aus Weißtanne, in der Ecke ein Messing-Gong, groß wie ein SUV-Reifen, im Rund zwölf schwarze Matten, Sitzkissen thronen darauf wie schwarze Trommeln.

Wie fängt Axel Zeman an? Harmlos, weltlich. Damit, dass wir alle "immer funktionieren". Vom Anfängergeist spricht er, der hilfreich sei, sich von eingerasteten Denkweisen zu lösen. Auch Brüche, Katastrophen, sagt Zeman, gehören zum Leben dazu, das lasse sich nicht wegmeditieren. Ehe es uns auf unseren Sitzbeinhöckern ungemütlich wird, dürfen wir aufstehen, uns durchschütteln, Arme, Beine, Rücken ausstreichen. Als ich gerade denke: Wo bleibt denn die Sache mit dem Atmen?, spricht der Zen-Lehrer schon von diesem Lebenselixier, das unsere Existenz steuere, ganz von allein. Wir schließen die Augen, werden zum "inneren Beobachter", verfolgen den Atem, wohin er fließt, wie er fließt. Zack, schon spielen die Gedanken Fangen mit mir. Einer fliegt nach Berlin, will Sorgen festhalten, der nächste zu einem Grab. Au, sagt mein Fußknöchel, bitte steh doch mal auf ... Dong. Als Zemans kleiner Gong die Übung beendet, ist es allen ähnlich ergangen. Es ist kompliziert, so viel hat sich auf Anhieb vermittelt. Ich brauche jetzt einen Cappuccino. Morgen sehen wir weiter.