Grün fließt der Grenzfluss, der Mexiko von Zentralamerika trennt. Grün leuchtet auch das T-Shirt des Bruders, der am Ufer des Rio Suchiate hockt, drüben in Guatemala. Jorge Martín kann ihn von der mexikanischen Seite aus erkennen. Mit bloßen Augen nur verschwommen, durch den Zoom der Kamera, die ihm der Fotograf hinhält, dann ganz deutlich.

Sein kleiner Bruder, Mitte 20, fast halb so alt wie er. Seit mehr als einem Monat habe er ihn nicht gesehen und sich um ihn gesorgt, sagt Martín. Vor einigen Stunden dann der Anruf: Sein Bruder habe den Fluss erreicht. Er sei sofort hingelaufen, erzählt Jorge Martín, um ihn in Empfang zu nehmen. Seitdem hockt er auf einer Anhöhe und beobachtet das Wasser. Er könnte rufen, sein Bruder würde ihn vermutlich hören. Und doch ist es gut möglich, dass er ihn an diesem Tag nicht in die Arme wird schließen können, vielleicht für eine lange Zeit nicht mehr. Zwar ist das Wasser hier nur etwa 150 Meter breit, mit einem Floß gelangt man schnell von der einen zur anderen Seite. Doch sein Bruder hat kein Visum, er muss es illegal ins Land schaffen, hier über die grüne Grenze. Martín kam auf demselben Wege, vor einigen Wochen schon. Doch an diesem Tag, nur wenige Meter von ihm entfernt am Ufer, patrouillieren mexikanische Grenzsoldaten.

Die beiden Brüder sind zwei von Hunderttausenden Migranten, die auf diesem oder auf einem anderen Weg jedes Jahr aus Zentralamerika nach Mexiko gelangen. Seit im Oktober gleich mehrere Tausend Menschen gemeinsam als sogenannte Karawane aus Honduras aufbrachen und Wochen später die US-Grenze erreichten, liest man viel von ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben im Norden. Was die Welt kaum mitbekommt: Von denen, die es über die Grenze schaffen, gelangen nur die wenigsten nach Kalifornien oder Texas. Ein Großteil bleibt in Mexiko. Viele stranden gleich hier in der Grenzstadt Tapachula oder anderswo in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat.

Lateinamerika erlebt derzeit eine nie dagewesene Flüchtlingskrise. Millionen Menschen auf dem Kontinent haben bereits ihre Heimat verlassen, jeden Tag werden es mehr. Doch während Donald Trump über eine "Invasion" der Migranten klagt, müssen in den allermeisten Fällen die Nachbarländer eine Lösung für die Menschen finden. In Mexiko ist das in diesem Fall: der frisch gekürte Präsident Andrés Manuel López Obrador. Oder wie die Mexikaner ihn nennen: Amlo. Schon im Oktober, als er noch gar nicht im Amt war, hatte er angekündigt, Arbeitsvisa an die Migranten zu verteilen. Das wäre ein radikaler Politikwechsel: Seine Vorgänger ließen illegale Migranten abschieben. Nicht wenige Menschen hoffen seitdem auf eine Chance, in Mexiko bleiben zu dürfen, eine Weile oder für immer.

Jorge Martín hatte nie das Ziel, in die USA zu gelangen. Er träumte nicht von einem neuen Leben in der Ferne. Er mochte sein altes, als Bauer auf einer kleinen Finca nahe der Stadt Estelí in Nicaragua. Säen und ernten, Tomaten, Brokkoli, Erdbeeren, ab und zu tanzen auf einem Familienfest. Nach Mexiko kam er gegen seinen Willen. "Die Regierung hat mich zur Flucht gezwungen", sagt er, und Tränen laufen über seine Wangen.

Seit im vergangenen April in Nicaragua Zehntausende gegen eine geplante Sozialreform auf die Straße gingen, verfolgt die Regierung Kritiker systematisch. Menschenrechtsorganisationen wurden verboten, kritische Journalisten verfolgt, Demonstranten verhaftet, gefoltert und teils zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt. Aus Angst vor der Repression sind in den vergangenen acht Monaten Zehntausende geflohen, mehr als 20.000 laut offiziellen Zahlen allein ins Nachbarland Costa Rica, viele auch nach Mexiko.

Jorge Martín sei nur ein einziges Mal auf die Straße gegangen, erzählt er, am 30. Mai, bei einem Marsch von Müttern für ihre ermordeten Kinder. Das habe ausgereicht, um ihn zum Staatsfeind zu machen. "Mein Name steht auf einer schwarzen Liste", sagt er. Ein Cousin, der bei der Polizei arbeitete, warnte ihn. Noch in derselben Nacht verließ er das Land. Wenn Martín sich daran erinnert, zittert er. Seine Angst ist der Grund, warum sein wahrer Name in diesem Artikel nicht genannt werden darf. Sollte er abgeschoben werden, können seine Worte zu Hause gegen ihn verwendet werden. Oder, falls ihn die Grenzbeamten schnappen und zurückschicken, gegen seinen Bruder.