DIE ZEIT: Bei dem Wort Renaissance, woran denken Sie als Erstes?

Bernd Roeck: In Bildern: an Florenz, an Brunelleschis Kuppel oder Michelangelos David. In Worten: an "Wiedergeburt". Renaissance, das meinte nicht nur ein Kopieren antiker Formen, das Wiederholen alter Gedanken. Es hieß, vollkommen Neues zu bilden und weiterzudenken. Ein unerhört folgenreicher, weltgeschichtlich einzigartiger Vorgang.

ZEIT: Wie kam es dazu? Warum begannen die Menschen, die Welt mit anderen Augen zu sehen?

Roeck: Wenn wir das so genau wüssten. Ich persönlich würde auf die hochmittelalterliche Warmzeit verweisen, die eine Bevölkerungszunahme begünstigte. Tausende Siedlungen wurden gegründet, die Städte wuchsen. Sie entwickelten sich zu Räumen kulturellen Austauschs und intellektuellen Aufbruchs.

ZEIT: Ein Klimawandel markiert den Epochenbeginn?

Roeck: Es kam hinzu, dass sich der internationale Handel ausweitete. Mit Geld und Gütern zirkulierten neue Ideen, das indische und arabische Erbe befruchteten die geistige Welt Europas.

ZEIT: Ein großer Aufschwung, aber dann kam Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest.

Roeck: Ja, doch das massenhafte Sterben hatte, so zynisch es klingt, nicht nur negative Folgen. Es legte eine "Sorge um sich" nahe – ob man an das ewige Leben im Jenseits dachte oder sich darauf besann, die kurze Spanne im Diesseits gut zu verbringen. Beides hatte Folgen für die Künste: Man stiftete einerseits Altäre und Seelenmessen, baute andererseits Paläste, feierte Feste und umgab sich mit schönen Dingen. Das nötige Geld war vorhanden, denn die Seuche vernichtete zwar Leben, verschonte aber Kapital und Immobilien. Die Vermögen der Toten sammelten sich in den Händen der Überlebenden.

ZEIT: Und warum begeisterte man sich plötzlich für die Relikte der Antike?

Roeck: Na ja, so plötzlich vollzog sich das alles nicht. Wir beobachten vielmehr einen Prozess, der Jahrhunderte währte. Ein Beispiel: Man braucht Fachleute, um Verträge auszuhandeln und notarielle Akte zu vollziehen. Bislang hatten vor allem Kleriker solche Geschäfte vollzogen, doch weil die Bevölkerung wuchs und die Zahl der Geschäfte zunahm, musste man immer häufiger auf Laien zurückgreifen. Nach welchen Regeln aber sollten die Laien handeln? Man griff auf das römische Recht zurück, es gab also auch auf dem juristischen Feld eine Renaissance. Viele dieser Juristen begannen, sich auch sonst für die Kultur zu interessieren, die etwas so Wunderbares wie das ius romanum hervorgebracht hatte. Es ist also kein Zufall, dass nicht wenige der "Kreativen" der Renaissance von Petrarca bis zu Leonardo und Machiavelli aus Juristenfamilien stammten.

ZEIT: Und die Kunst? Warum wurde sie wichtig?

Roeck: Der Besitz schöner Dinge markierte wie die Haltung edler Pferde und Hunde oder der Bau prächtiger Villen gesellschaftliche Unterschiede. Kunst diente, mit dem Soziologen Pierre Bourdieu gesprochen, der Distinktion. Das Übermaß an Gemälden und Skulpturen war also der Ausdruck politischer und sozialer Konkurrenz. Patronage half zudem dabei, leere Zeit zu vertreiben.

ZEIT: Gab es keine Sammler, die eine Art zärtliches Verhältnis zur Kunst entwickelten?

Roeck: Doch, Isabella d’Este, die Markgräfin von Mantua und manische Sammlerin, war eine echte Kunstliebhaberin modernen Zuschnitts. Sie wollte unbedingt einen "Leonardo" – egal, welches Thema das Gemälde hatte, wie lange der Meister für seine Anfertigung brauchte und was es kostete.

ZEIT: Oft heißt es, in der Renaissance sei das moderne Individuum geboren worden. Stimmt das eigentlich?

Roeck: Es war der Historiker Jacob Burckhardt, der in der Renaissance einen "modernen Individualismus" zu erkennen meinte. Mag sein, dass die Erfahrung des krisenhaften 14. Jahrhunderts nicht nur nahelegte, das Verhältnis zu Gott und den jenseitigen Dingen zu bereinigen, sondern auch die Stellung des Menschen in der Welt neu zu vermessen.

ZEIT: Begann damals die Moderne, in der wir heute immer noch leben?