Wenn man um Punkt neun Uhr morgens den Mitarbeitereingang des Louvre durch den Pavillon Mollien nimmt, braucht man, inklusive der Sicherheitsschleuse vor der Tapetentür, gut zwei Minuten in den Salle de la Joconde, den größten Saal des Museums. Wer dagegen vom Haupteingang kommt, muss erst die Ticketkontrolle und drei Stockwerke überwinden, was selbst die Sportlichen unter den Kunstfreunden kaum unter zehn Minuten schaffen. Macht einen Vorsprung von acht Minuten, den ich habe, um SIE zu betrachten, aus der Nähe und ohne von den Massen, die gleich heranrücken werden, an die Wand gedrängt zu werden. So stehen wir also Aug’ in Aug’: ich, Ende 30, leicht abgehetzt und schwitzend in der Winterjacke. Und sie, gut 500-jährig, in einer klimatisierten Hochsicherheitskammer hinter Panzerglas, wie immer lächelnd.

20.000 Besucher sehen sie dort pro Tag, sechs Millionen pro Jahr. Sie ist das meistfotografierte, meistpersiflierte, meistgenannte, meistinterpretierte Kunstwerk aller Zeiten, sie wurde besungen, kopiert und verehrt und hat längst auch auf Instagram eine digitale Parallelkarriere von der Ikone zur Influencerin hingelegt, auf Augenhöhe mit Nicki Minaj oder Kim Kardashian. Doch was diese nie erreichen werden, hat die Mona Lisa längst: Omnipräsenz und unendlichen Ruhm. Und das ohne nackte Haut, ohne Sex, ohne Skandale. Obenrum bekleidet, mäßig modisch und mitteljung, wurde sie zum Inbegriff alles Schönen und Guten, zum Gipfel der Kultur, zum Bild der Frau schlechthin. Wie hat sie das geschafft?

Ein einziges Mal hatte ich sie zuvor gesehen, 15 Jahre ist das her, und solange ich auch in meiner Erinnerung forschte, einen bleibenden Eindruck hatte sie nicht hinterlassen. Wahrscheinlich war ich nicht nah genug dran. Zu unreif. Oder zu blind vor Ehrfurcht. Nur zwei Meter trennen uns nun, eine Holzbrüstung und eine dicke Schicht von Legenden, Zuschreibungen und Theorien, von der man das kleine, 77 mal 53 Zentimeter große Gemälde erst einmal befreien muss. Was man dann sieht, ist das Bild einer Frau um die 30. Sie sitzt vor der Balustrade einer Terrasse, die Hände entspannt, fast schon schlaff übereinandergelegt. Etwas Angelamerkelhaftes hat ihre ganze kompakte Gestalt – passiv, aber präsent.

Eine irdische Madonna, das ist der erste Eindruck, sanft, mit sich im Reinen und leicht gezuckert. Wäre da nicht dieser Blick. Aus leicht verquollenen Augen fixiert sie mich. Das heißt: Sie fixiert etwas an mir. Eine minimale Defokussierung, ein ganz leichtes Vorbeisehen, wie bei einem Menschen, mit dem man sich unterhält, der aber hinter einem jemand Wichtigeren erblickt hat, zwingt einen, ihren Blick, den man sofort verliert, immer wieder zu suchen, zu verlieren, zu suchen. Nach vier Minuten denke ich mir: was für eine unverschämte Person.

Sie fixiert ihr Gegenüber, ignoriert es aber auch. Sie ignoriert es genauso wie die übertriebene Landschaft im Hintergrund. Vor den zerklüfteten Felsmassiven vermutet man eine Szene aus Game of Thrones, nicht aber diese anmaßende Buddhafrau, halb Dame, halb Göttin. Sie tut nichts, sagt nichts, symbolisiert nichts. Sie hat auch kein Gesicht. Einen Ausdruck, eine Stimmung in ihren Zügen festzuhalten, aus denen man mal Güte, mal Überheblichkeit, mal Melancholie liest, ist ebenso aussichtslos, wie ihren Blick zu finden. Ein Gesicht wie das Hamburger Wetter: unbeständig, oft trüb, mit freundlichen Abschnitten, vor allem um den berühmten Mund herum. Der Kritiker Théophile Gautier schrieb 1857, das Gesicht quäle einen wie das Thema einer Sinfonie, das man immer nur ungefähr, aber nie ganz zu fassen bekommt, während man sich, eingeschüchtert von der überlegenen Würde und dem Spott der Frau, wie ein Schuljunge vor einer Fürstin fühle.

Das Eigenleben der Mona Lisa hat dazu geführt, dass das Bild sich unabhängig machte, sogar von seinem Schöpfer. Befördert durch Legenden, Literarisierungen und Theorien, wurde es zu einem Subjekt mit eigener Geschichte. Während man, um ein anderes berühmtes Bild zu nennen, zwischen van Goghs Sonnenblumen immer auch ein abgeschnittenes Ohr sieht, hat sich die Mona Lisa von allen Entstehungsbedingungen weitgehend emanzipiert. Dazu gehört auch die porträtierte Person selbst.

Gerade in den letzten Jahren gab es zwar viele, meist überflüssige Diskussionen darüber, wer die gezeigte Dame im Bild sein könnte. Manche sagten, hier habe sich Leonardo als Transvestit selbst gemalt, andere meinten, es handele sich um Isabella d’Este, die berühmte Regentin der Renaissance. Doch besteht nicht wirklich ein Zweifel daran, dass es sich um Lisa del Giocondo handelt, zweite Ehefrau des Tuchhändlers Francesco del Giocondo, der zur gehobenen Mittelschicht in Florenz gehörte und das Porträt bei Leonardo bestellte. Wie so viele Auftraggeber bekam auch del Giocondo das Bild nie ausgehändigt. Leonardo nahm es, nachdem er den Ruf Franz’ I. angenommen hatte, mit in sein Wohn- und Arbeitsschloss in Frankreich. Es muss ihm ganz besonders am Herzen gelegen haben. Gut zehn Jahre lang hat er mit jeder weiteren hauchdünnen Lage Öl eine neue Gemütsschicht auf Mona Lisas Gesicht gelegt, sodass sich diese im Auge des Betrachters nun so verwirrend ineinandermischen.

Inzwischen ist es halb elf. Im Saal herrscht ohrenbetäubender Lärm, und die Rückenstöße vor dem Bild werden trotz dicker Winterjacke langsam schmerzhaft. Ich lasse mich abdrängen und stelle fest, dass die Mona Lisa einem tatsächlich mit den Augen folgt – ein virtuoser Trick, aber eben ein Trick, eines Leonardo eigentlich nicht würdig. Um sie wieder von vorn und nah zu sehen, muss ich von neuem den Parcours durchlaufen, über den die Leute von der langen Galerie her hineinströmen, sich stauen, langsam zur vorderen, halbrunden Absperrung durchkämpfen und schließlich, den Gesetzen der Physik folgend, zu beiden Seiten am Bild vorbei in den Souvenirshop direkt hinter der Mona Lisa-Stellwand gedrückt werden. Dort kann man dann nachholen, was vor dem Bild nicht ging, und die Mona Lisa ausgiebig betrachten – und kaufen: als Schürze, Muskelshirt, Tasse, Radiergummi, Taschenspiegel, Serviette, Thermoskanne, Tischdecke, Radiergummi, Regenschirm, Puzzle, Lipgloss, Zauberwürfel, Fächer, Schnapsglas oder Socken (leider nur bis Größe 42).