Immer mehr studierte Musiker arbeiten freiberuflich, weil es kaum feste Stellen gibt. Wie sie auf dem Markt bestehen können, haben sie nie gelernt.

Irgendwann fing Anne Sophie Bereuter an, über Alternativen nachzudenken. Fast 20 Lebensjahre hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits in ihre Ausbildung und ihr Studium als Violinistin investiert: Unterricht im Kindesalter, Musikschule, Jungstudium, den Bachelor abgeschlossen, den Master begonnen – all das mit dem Ziel, Berufsmusikerin zu werden. Zum Ende hin wollte sie ins Orchester, mit einer festen Stelle finanziell und sozial abgesichert sein, arbeiten im Dienste eines "unglaublich schönen Repertoires".

Jetzt sitzt sie in einem Berliner Café und ist sich über ihren Berufswunsch gar nicht mehr so sicher. Bei keinem der Probespiele für unbefristete Stellen im Orchester, zu denen sie eingeladen wurde, war sie über die erste Runde hinausgekommen. Was sie bekam, waren ein Zeitvertrag bei der Deutschen Oper Berlin und eine für ein Jahr befristete Aushilfsstelle bei der Kammerakademie Potsdam. Gute Adressen. Doch alles, was darüber hinaus ging, geschah und geschieht freiberuflich – unverhofft und unfreiwillig, auf einem Markt, der von studierten Musikern, erst recht mit Violinisten, völlig überlaufen ist. "Man fragt sich schnell: Wozu braucht Berlin noch eine weitere Geigerin?", sagt sie. "Man kann um Honorare verhandeln, wie man will, am Ende kommt doch jemand, der den Job für noch weniger Geld macht."

Die 25-Jährige hat zwischendurch überlegt umzusatteln, etwas Neues zu studieren, Musiktherapie, Musikmanagement oder Kulturvermittlung. Doch sie liebt ihren Job zu sehr. Nun richtet sie sich also in der Freiberuflichkeit ein, mit straffer Planung, viel unbezahlter Hintergrundarbeit, "krassem Learning by Doing" – in der Hauptstadt, an die sie und ihr Lebensgefährte durch seinen Job gebunden sind.

In derselben Situation wie sie befanden sich laut einer repräsentativen Studie der Oboistin und Musikforscherin Esther Bishop aus dem Jahr 2014 bundesweit rund 80 Prozent aller Absolventen von musikpraktischen Studiengängen: Nur etwa jeder Fünfte schafft es demnach tatsächlich ins Orchester.

Denn jedes Jahr, so schätzt es Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), absolvieren etwa 800 Orchestermusiker ihr Studium und bewerben sich für Orchesterstellen. Die 129 öffentlich finanzierten Orchester in Deutschland weisen jedoch nur 9746 Planstellen aus, von denen jährlich neben befristeten Vakanzstellen nur zwischen 120 und 160 frei werden. Hinzu kommen Praktikantenplätze und Stellen in 40 Orchesterakademien, die in der Regel aber auf ein Jahr befristet sind – insgesamt etwa 300. "Weil es selten beim ersten Mal klappt, kann man davon ausgehen, dass sich im Schnitt vier Jahrgänge auf all diese Stellen bewerben", sagt Mertens. Und das sind nur die Bewerber aus Deutschland: "Hinzu kommen noch die aus dem europäischen und internationalen Ausland, insbesondere aus den USA und Russland."

Das spürt eine Hochschulabsolventin beim Probespiel fürs Orchester sofort: "Ich stand da in einem Raum mit siebzig anderen Violinisten und sollte mich einspielen", erzählt Anne Sophie Bereuter. "Selbst ich, die ich eigentlich nie Konkurrenz empfunden habe, spüre sie in so einem Moment extrem."

2017 waren zudem so viele hauptberuflich freischaffende Musiker bei der Künstlersozialkasse (KSK) gemeldet wie noch nie zuvor. Mit 52.854 Künstlern waren es rund 10.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Vor allem sind sie es, die eigene Ensembles gründen, Interessengemeinschaften, Festivals und Konzertreihen. Sie organisieren nicht nur sich, sondern gegebenenfalls ganze Kollektive, Spielorte und Fördergelder – all das zumeist, ohne im Studium darauf vorbereitet worden zu sein. In ihrer Studie untersucht die Musikforscherin Bishop unter anderem, welche Karriereziele Musikstudierende haben und in welchen Berufen sie nach ihrem Abschluss arbeiten. Sie sieht vor allem ein Problem im Aufbau des Musikstudiums selbst, da dort Fähigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt notwendig seien, nicht unbedingt vermittelt würden: "Organisationsskills, aber auch musiksoziologisches und kulturpolitisches Wissen". Das Curriculum der meisten Hochschulen sei konservativ ausgelegt, dominiert von musikpraktischen, -theoretischen und -pädagogischen Veranstaltungen. Trotzdem, meint Bishop, liege die Verantwortung auch immer bei den Studierenden selbst: "Fast jede Hochschule hat mittlerweile ein Career Center. Es gibt wirklich gute Angebote – aber viele Studierende nehmen sie nicht an."

Anne Sophie Bereuter besuchte ein solches Career Center, aber es half nur teilweise. Erst nach und nach lernte sie wirklich, wie sie sich vernetzt, wie sie verhandelt und welche Bezahlung angemessen und notwendig ist – und stieß dabei häufig auf Widerstände. "Natürlich ist es ein großes Privileg, einen Beruf ausüben zu können, an dem ich Freude habe", sagt sie. "Aber muss das bedeuten, dass ich arm sein muss wie eine Kirchenmaus?"

Die Gehälter freier Musiker sind laut einer Statistik der KSK tatsächlich gering: Unter 30-jährige Musikerinnen verdienten 2017 demnach im Durchschnitt 10.883 Euro pro Jahr, Männer im gleichen Alter 13.649 Euro. "Ich habe mich lange geweigert, mich als Musikerin und gleichzeitig als Unternehmerin zu sehen", sagt Anne Sophie Bereuter. "Ich hatte sehr großen Respekt vor dem wirtschaftlichen Aspekt meiner Arbeit, davor, mich selbst zu vermarkten. Man denkt schließlich immer: Kunst spricht doch für sich. Aber das ist eine sehr naive Feststellung."