"Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls", soll August Bebel, der Mitbegründer der SPD, gesagt haben. Für den Nationalismus gilt Ähnliches. Auch diese Ideologie zelebriert die Selbstüberhebung, gepaart mit der Herabsetzung anderer Nationen. Hier die hehre Volksgemeinschaft, dort der Fremde, der Feind.

Nun haben die "dummen Kerls" des Nationalismus zu Recht eine schlechte Presse in Europa. Diesem verdanken wir die unsäglichen Grausamkeiten der Weltkriege, von den laufenden Gemetzeln in Afrika, Asien und Nahost nicht zu reden. Doch spreizt sich auch in hiesigen Gefilden wieder der Nationalismus. Die mildeste Variante ist der Brexit. "Wir wollen die Selbstbestimmung, ganz gleich, wie teuer die Scheidung", lautet die Botschaft. Härter wird es in MAGA-Land (Make America Great Again), wo Trump die Taue zum Rest der Welt kappt: "Wir werden uns immer für Unabhängigkeit und gegen den Globalismus entscheiden." Noch härter wird es in Russland, wo der neue Zar Wladimir Expansionismus und Länderraub praktiziert. Der türkische Quasi-Diktator Erdoğan träumt vom Osmanischen Reich und greift nach Syrien aus. In Ungarn kommt der N. mit antisemitischen Versatzstücken daher, als wäre der Milliardär George Soros der Gottseibeiuns.

Warum Nationalismus? Das "Wir gegen die" ist die mächtigste Ideologie, die der Mensch je erfunden hat. Sie glorifiziert die völkische Überlegenheit und die Gleichheit aller Rechtgläubigen. Ob arm oder reich, Aristokrat oder Arbeiter, alle können sich an dem berauschenden Trank laben. Noch besser: Dieser Quell ist unerschöpflich; jeder kann so viel saufen, wie er will, ohne dem anderen etwas wegzunehmen. Denn in der großen, wärmenden Volksgemeinschaft sind wir alle gleich, trotz aller Status- und Machtunterschiede.

Was Wunder, dass der N. so gut funktioniert? Putin herrscht über eine scheiternde Wirtschaft; die Krim kostet ihn Milliarden. Aber das Volk steht hinter dem Mann, der Russland wieder die alte Glorie schenken will. Trump vereint mit seiner MAGA-Parole wenigstens die Hälfte Amerikas hinter sich. Die türkische Wirtschaft schrumpft, die Inflation tobt. Aber was wiegt die Not, wenn der Sultan sein Land zu Ruhm und Ehre führen wird? Ähnlich im Iran, wo die heilige nationale Mission die Verelendung kaschiert. Die AfD setzt auf das Ressentiment.

Der N. ist nicht nur berauschend, sondern auch praktisch – wie einst in Europa, wo Wilhelm II. "keine Parteien" mehr kannte, sondern "nur noch Deutsche". Das rationale Interessenkalkül setzt aus; das Volk unterwirft sich der charismatischen Herrschaft, die im Namen der nationalen Berufung Freiheit und Demokratie unterdrückt. Putin, Erdoğan und Chinas Staatschef Xi sind ungesalbte Monarchen auf Lebenszeit.

Mag sein, dass sich Europa zu schnell "entnationalisiert" und nach rechts eine Flanke geöffnet hat. Doch produziert die Strategie der Potentaten bloß Illusionen – wie eine Droge, wo der Absturz auf den Rausch folgt. Machtpolitik und Arroganz mehren weder Anerkennung noch Wohlstand. Aber braucht ein Land nicht etwas, was das Innerste zusammenhält? Gewiss. Gedeihlicher ist die freundliche Variante des Nationalgefühls, der Patriotismus. Der predigt nicht die Anmaßung, sondern die Liebe zum eigenen Land, die nicht ausgrenzt und nicht abstößt.