Nation? Wer das Wort aussprechen kann, ohne dass es ihm peinlich ist, muss entweder dumm oder rechts sein – und meist ja dann beides. Oder? Jürgen Kaube hat unlängst in der FAZ seinen brillanten Hohn gegen eine neue Hinwendung zur Nation gerichtet. Wie zuvor die politischen Sortierungen "rechts" und "links" sind ihm jetzt die neue "Nationalschwärmerei" ebenso wie ihre Gegenpositionen, "Kosmopolitismus" und "Globalisierung", nur dümmliche, unterkomplexe Phrasen.

Klar lässt sich über die Nationalismen in Polen oder Russland gut herziehen. Wie aber, wenn man einmal probeweise im neuen Interesse an der Nation hierzulande eine sehr politische Hinwendung zu dem sähe, was wir tatsächlich erst einmal national besser hinkriegen müssten? Und wie, wenn man dann darin die Chance auch für einen neuen Verfassungspatriotismus erkennte? Eine mitsprachebereite Hinwendung zu jenen politischen Räumen, in denen doch noch die Gestaltung der Lebenswelt der allermeisten in diesem Land verhandelt wird?

Diese neue Hinwendung wäre dann übrigens auch nichts, was nur "rechten" oder "konservativen" Parteien nützte. Es gibt ja nicht wenige, die durchaus wohlgesinnt der SPD raten, endlich einen großen Teil ihrer natürlichen Wählerschaft wieder dort abzuholen, wo man ganz schlicht vor Ort die Lebensbedingungen der normalen Leute in gebeutelten Gegenden und schwierigen Vierteln zu verbessern habe. Und bei aller Komplexität und Verschiedenheit der französischen Situation scheint das auch dort die Richtung, in die man gehen müsste, um die Bürger im Konsens demokratisch-repräsentativer Politik zu halten. Oder sie in diesen Konsens zurückzuholen.

Nation gilt für die deutsche Geschichte noch immer als das, wofür man auf Freiheit verzichten musste. Die "Unterwerfung" der deutschen Liberalen unter Bismarck in den 1860er-Jahren und ihr "Einschwenken" auf Einheit vor Freiheit: Das gilt nach wie vor als die schwierige Geschichte des deutschen Liberalismus, und manche, die die Liberalen noch nie mochten, sehen auch die heutige FDP wieder auf "nationalen Abwegen".

Aber heute ist Nation längst das, in dessen Grenzen Freiheit und Demokratie allein eine Zukunft haben. Heute heißt Nation Demokratie. Und noch immer heißt Demokratie vor allem Nation. Um das eigene Land auf einem guten Weg zu halten, sind erst einmal nationale Selbstverständigung und nationale Politik gefragt. Und der Nationalstaat ist nach wie vor die politische Einheit, in der am ehesten eine lebendige Demokratie funktioniert, der sich die Bürger zugehörig fühlen.

Längst auch verstehen wir unter Nation das, was Ernest Renan 1882 unter ihr verstand: keine Abstammungsgemeinschaft, sondern ein "tägliches Plebiszit". Wenn es denn eines ist. Wenn es denn, sagen wir weniger streng, wöchentlich zu einer Bejahung kommt: Zur Nation gehört, wer es will. Wer an der nationalen Selbstverständigungsgemeinschaft über die gemeinsame Sache teilnehmen will. Eben wer Bürger sein will.

Auch wenn die altbundesrepublikanisch-postnationale Gewöhnung die Nation noch immer nur als bornierte Abschottung kennt: Nation ist nicht notwendig abgeschlossen-eifersüchtige Angst-Aggression, sondern kann immer neu Entstehungsraum für vernünftige Entscheidungen sein, aus denen dann auch übernational etwas folgt.

Verantwortung funktioniert national – oder sie funktioniert im Staatenverbund erst recht nicht. Es ist längst ein Gemeinplatz, wenn nicht seinerseits eine Phrase, dass "Herausforderungen wie der Klimawandel von keiner Nation allein ..." und so weiter. In Wahrheit ist aber doch auch dies ein Argument für die Nation. Es heißt, dass etwa Regenwald-Aufforstungen in einer Größenordnung von 9 Milliarden Dollar anteiliger Kosten für Deutschland jährlich und über 20 Jahre mehr als die Hälfte des Klimagase-Problems lösen würden. Und man kennt dann die bittere Frage von Klimabewegten, warum das nicht geschehe.