Sitz der Weisheit? Leonardos Schädelschnitte zur Bestimmung des "senso communis" (1489) © akg-images

Alles Neue, auch eine Revolution, kommt nicht über Nacht, das Neue ist längst da, noch bevor das Alte die Bühne verlassen hat. Unerhörte Gedanken machen schon die Runde, Ketzer und merkwürdige Philosophen treten zum Ausgang des Mittelalters auf, komische Vögel und Wanderprediger. Neunmalklug reden sie daher, die Obrigkeit hält sie für gefährliche Spinner. Einer dieser Aufrührer, ein Mönch und Vielschreiber, fantasierte noch im Arrest von einem neuen Zeitalter, von Unterseebooten, von Wagen ohne Pferde und fliegenden Maschinen mit künstlichen Flügeln.

Der Mann hieß nicht Leonardo da Vinci, sondern Roger Bacon, ein englischer Franziskaner, Philosoph und Naturwissenschaftler (1214/20–1292). Bacon war einer jener Visionäre, die beweisen, dass die Renaissance begonnen hatte, lange bevor von ihr die Rede war. Bacon sprühte vor Ideen, und sein Programm war kristallklar: Das spekulative Denken ist eine Sackgasse, mit ihr allein kommt die Menschheit nicht weiter. Sie benötigt Wissen, sie muss forschen und experimentieren, Philosophie, Kunst, Technik sollen nützlich sein. Der Mensch ist nicht fürs Elend geboren. Gott will das nicht.

Leonardo kannte Bacons kühne Ideen, doch sie waren natürlich nicht die einzigen, die Spuren in seinem Werk hinterließen. Auch wenn man nicht genau weiß, aus welchen philosophischen Quellen er schöpfte, eines weiß man doch: Leonardo war ein Bücherjäger und besaß eine für damalige Zeiten recht stattliche Sammlung. In seinen Bücherkisten, das liest man in Bernd Roecks Monografie Leonardo, fanden sich neben Ritterromanen, Fabeln und Piratendichtungen zum Beispiel die Chroniken des Philosophen Isidor von Sevilla, eine Bestandsaufnahme des damaligen Wissens, gleichsam die Wikipedia des Mittelalters.

Religiöse Bücher dagegen waren rar. Von Theologen hatte Leonardo keine hohe Meinung, einige kamen ihm vor wie Narren. Ebenso wenig gefielen ihm jene philosophischen "Trompeter", die das "Scheinwissen" der Tradition nachplapperten und die Gewissheit ihrer Erkenntnis bloß vortäuschten. "Aufgeschwellt und pomphaft" nannte er sie; in seinen Augen ergingen sie sich in sinnlosen Wortgefechten und sinnlosen Haarspaltereien, den discorsi. Leonardo wollte von den Worten zurück zu den Sachen, denn Gewissheit vermittele nur die konkrete Empirie: "All unsere Erkenntnis hat ihre Anfänge in den Sinnen." Doch damit die blutleere Wissenschaft mit der sinnlichen Welt in Berührung komme, müsse das Geröll von Jahrhunderten abgetragen werden, schließlich habe die Weisheit ihren Sitz nicht nur im Himmel der Philosophen, sondern auch auf Erden – auf dem Marktplatz, im Getümmel der profanen Menschen.

Es überrascht also nicht, dass sich in Leonardos Bücherschätzen die Schriften von Lorenzo Valla fanden, ebenso die von Leon Batista Alberti und Leonardo Bruni (1370–1444), dem späteren Kanzler von Florenz. Alle drei novatores (Neuerer) vertraten das städtische Bildungsideal des florentinischen Humanismus, sie rühmten Willensfreiheit und Selbstbestimmung, feierten die wissenschaftliche Neugier und bekämpften die Willkürmacht des Schicksals. Der Mensch müsse Fortuna in die Speichen greifen – die Welt soll nicht bloß erlitten, sie soll entdeckt und verbessert werden.

Es war Lorenzo Valla, der für solche Ideen sein Leben riskierte und es überdies wagte, die Sünden der Kirche anzuprangern. Wie könne es sein, dass die Kurie über stehende Heere verfügt? Wie könne es sein, dass man den Papst aufsuchen will und stattdessen auf "Reiter und Infanterie stößt, die allen zur Last fallen, während Christus vor Hunger und Elend stirbt in Tausenden von Armen"? Einen Eklat löste der scharfzüngige Valla (1405/07–1457) aus, als er ein Loblied auf den Materialisten Epikur sang und ein Buch Über die Lust verfasste. Auch Leonardo schätzte Epikur (genauso wie die götterlose Diesseitswelt des römischen Dichters Lukrez), und mit Sicherheit gefiel ihm Vallas Forderung, die Philosophen sollten die dogmatischen Fesseln zwischen Religion und Wissenschaft lockern und damit aufhören, der Kirche die Schleppe zu tragen. Das waren brandgefährliche Sätze, und dem Inquisitionsprozess entging Valla nur dank eines königlichen Fürsprechers: Alfons V. von Aragón.

Eine anderer Anreger Leonardos war natürlich der Alleskönner Leon Batista Alberti, von Beruf Kirchenrechtler, Philosoph, Physiker, Mathematiker, Ingenieur, Dichter, Satiriker, Architekt, Agrarwissenschaftler, außerdem noch Hundekenner, Pferdekenner, Speerwerfer und Orgelspieler. Alberti (1404–1472) verkörperte das Idealbild des umfassend gebildeten Menschen; er war der Inbegriff jenes uomo universale, der die frühbürgerlich-humanistische Lebensauffassung prägte wie kaum ein Zweiter. Und doch ist dies bloß die halbe Wahrheit. Der "wahrhaft Allseitige" war nicht nur der optimistische Renaissancemensch; in Alberti tobten die Urängste des Mittelalters, und wie Hieronymus Bosch wurde er von grässlichen Albträumen und Wahnvorstellungen heimgesucht. Solche Endzeitvisionen, man könnte sagen: der Umschlag von Fortschritt in Horror, waren auch Leonardo nicht fremd: "Ich sehe Christus aufs Neue verkauft und gekreuzigt und seine Heiligen gemartert."

Der Mensch war kein sündiger Erdenwurm

Auch wenn die Liste jener Philosophen, die Leonardo beeinflusst haben, unvollständig bleiben muss, so fehlen noch Marsilio Ficino sowie der "Phoenix der Geister", der wunderbare Humanist Giovanni Pico della Mirandola mit seiner Freiheitsschrift Über die Würde des Menschen von 1486. Vor allem aber fehlt der (mit Pico bekannte) Nikolaus von Kues, für den Philosophen Kurt Flasch der größte Denker des 15. Jahrhunderts. Cusanus, wie er in Italien genannt wurde, war der hellste Stern am Himmel der Renaissance, vielleicht sogar ihr Schutzheiliger. Auf jeden Fall bestimmte er die Diskursrevolution, in die Leonardo hineinwuchs und von deren Zukunftsglauben er sich anstecken ließ. Leonardo, behauptet der Philosoph Ernst Cassirer, war ein geistiger Schüler des Cusanus und "trat an vielen Stellen unmittelbar sein Erbe an".

Tatsächlich waren seine Ideen bahnbrechend. Für Cusanus (1401–1464) war der Mensch kein sündiger Erdenwurm, sondern stolz und groß. Zwar habe Gott das Buch der Natur mit seinen eigenen Händen geschrieben, doch das bedeute nicht, dass es nur mystisch bestaunt, nicht aber wissenschaftlich erforscht werden dürfe. "In Gott", schreibt Cusanus in seiner Schrift Über den Ursprung (1459), sind "alle Schätze der Wissenschaft verborgen". Und weil im menschlichen Intellekt der göttliche Ursprung fortwirkt, könne es dem höchsten Künstler nicht gefallen, wenn die Herrlichkeit seiner Schöpfung unerkannt bleibe.

Das war die Lizenz zum Forschen. Wer den logischen Sinn der Schöpfung wissenschaftlich erkundet, der ist kein Sünder, im Gegenteil. Im Kleinsten entdeckt er das Größte – das Walten der göttlichen Notwendigkeit und damit jene numinose Vernunft, die im Medium des menschlichen Geistes zu sich selbst findet. Leonardo: "O wunderbare Notwendigkeit, Du zwingst mit höchster Vernunft alle Wirkungen an ihren Ursachen teilzunehmen ... Wer möchte dieses Wunder zu erklären, das den menschlichen Verstand zur göttlichen Anschauung erhebt?"

Leonardo war Aristoteliker, doch an Plato faszinierte ihn die Idee, es existiere eine geheime Verbindung zwischen Kosmos und Mathematik. Damit ist die Mathematik die Königswissenschaft; Ingenieurskunst, technischer Geist und Berechnung entzaubern die Welt nicht, sondern enthüllen die mathematischen Muster der göttlichen Vernunft. Ganz ähnlich hatte es bereits der doctor mirabilis gesehen, der Philosoph Roger Bacon: "Die Mathematik kommt dem göttlichen Denken am nächsten."

Es bleibt die quälende Frage, ob die novatores um Leonardo der modernen Naturzerstörung den Weg bereiteten. Wenn ja, dann hätten die klerikalen Wahrheitshüter recht gehabt: Wer das Band zwischen Religion und Wissenschaft lockert und die Natur entheiligt, der degradiert sie zum Material menschlicher Ausbeutung.

Leonardo trifft der Vorwurf nicht. Er war keineswegs der Ansicht, man könne mit der Natur machen, was man wolle. Auch wenn die Menschen privilegierte Welterkenner seien, so dürften sie nicht Schöpfergott spielen – nicht einmal als Künstler wollte Leonardo sich so verstehen.

Heute, ein halbes Jahrtausend später, existiert die Leonardo-Welt nicht mehr; die Vorstellung einer beseelten Schöpfung ist passé. Im Anthropozän, und das ist unser Zeitalter, verschwindet die Grenze zwischen Natur und Zivilisation: Fünfhundert Jahre nach Leonardo ist der "Schmutz der Unwissenheit herausgewaschen" (Pico); ein chinesischer Forscher manipuliert die Gensubstanz von Zwillingen und macht ihre Natur zu seinem Produkt. Die Universalgelehrten der Renaissance betrachteten den Menschen als ein von Gott geschaffenes Kunstwerk. Die Modernen fabrizieren dieses Kunstwerk künftig selbst. Menschen züchten Menschen für den Menschenpark. Sie nennen es Renaissance.