Im schwarzen Aktenkoffer von Aïssalou Soumaïla steckt die Rettung ihres Landes. Die 46-Jährige sitzt auf einem Baststuhl in der sengenden Sonne Nigers. Um sie herum haben sich etwa 30 Frauen versammelt. Sie sind gekommen, um die Frau im langen gelben Stoffgewand sprechen zu hören. Denn Soumaïla hat in ihrem Koffer das Mittel, das eines der größten Probleme ihrer Heimat lösen soll: ein Kondom.

Mehr als sieben Kinder bekommt eine Frau in dem westafrikanischen Staat durchschnittlich, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Für die Bevölkerung wird das zunehmend zu einer Bedrohung.

21 Millionen Menschen leben in Niger. Bis Mitte des Jahrhunderts könnte sich die Einwohnerzahl vervierfachen. Doch für so viele Menschen reicht die Nahrung nicht. Im Human Development Index der Vereinten Nationen belegt das Land schon jetzt den letzten Platz weltweit, fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren ist unterernährt. Je mehr Menschen in Zukunft Nahrung benötigen, desto größer wird die Hungersnot. Und je schlechter es den Menschen geht, desto mehr verlassen ihre Heimat. Sie machen sich auf in die Nachbarstaaten, aber auch nach Europa.

Mehrere Initiativen versuchen deshalb, die Fruchtbarkeitsrate im Land zu senken, auch mit Geld aus Deutschland. Eine davon ist Animas-Sutura. Animas steht für Association Nigérienne de Marketing Social, zu Deutsch Nigrischer Verband für Sozial-Marketing. Sutura bedeutet in der Landessprache etwa Schleier oder Schutz. Die Organisation hat Frauen und Männer in ganz Niger ausgebildet. Sie erklären und verteilen Verhütungsmittel. 975 Dörfer beteiligen sich an dem Projekt. Eines davon ist Timera, wo Aïssalou Soumaïla lebt. Es befindet sich eine halbe Autostunde entfernt von der Hauptstadt Niamey im Südwesten des Landes.

Das Dorf liegt an einer asphaltierten Straße, links und rechts davon ist nichts als Steppe. Die Bewohner bauen hier Hirse an, doch die Ernte reicht kaum zum Leben. Würden hier weniger Kinder geboren, hätten alle genug zu essen. Das versucht Soumaïla den Frauen klarzumachen. Auf dem zentralen Platz hält sie Verhütungsmittel in die Luft. "Der Vorteil des Kondoms ist, dass man es spontan benutzen kann", sagt Soumaïla. "Es gibt aber auch andere Möglichkeiten wie die Pille oder eine Spritze." Was in anderen Orten der Welt bereits Schulkinder wissen, ist für viele Frauen hier im Dorf neu. Und manche, die sich auskennen, verhüten trotzdem nicht. Das hat vor allem kulturelle Gründe.

"Die Norm, viele Kinder zu haben, ist fest verankert", sagt der französische Demograf Jean-Pierre Guengant, der seit mehr als 40 Jahren zur Bevölkerungsentwicklung forscht. Frauen in Niger wünschen sich seinen Erhebungen zufolge im Schnitt neun Kinder. Reichtum und Bildung ändern daran nichts: Die Zahl ist über alle Schichten hinweg konstant.

Einerseits gilt eine große Familie in Niger als Symbol für Wohlstand. Andererseits befördert die Polygamie im Land das Wachstum: Weil das Erbe des Mannes nach der Anzahl der Kinder aufgeteilt wird, gebären einige Frauen vorsorglich quasi um die Wette.

Dazu kommen religiöse Gründe. Viele Moscheeoberhäupter warnen vor Geburtenkontrolle. Sie sehen darin einen Eingriff in Gottes Willen. Und die nigrische Führung hat es versäumt, die Argumente der Kleriker zu entkräften. Politiker fürchten, es sich mit den religiösen Autoritäten zu verscherzen. Außerdem misstrauen viele Behördenvertreter den Prognosen. Der Demograph Guengant erzählt von einem Treffen, bei dem hochrangige Beamte die Bevölkerungsexplosion als "westliche Erfindung" abgetan hätten.