Südkorea: Eine Wette auf die Wiedervereinigung

Lee Gun-min war noch nie in Nordkorea und träumt auch nicht davon. Aber die Kennzahlen des verfeindeten Landes hat der Südkoreaner parat. Der etwas brav wirkende Mann mit rosa Krawatte zählt auf: "Die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht im Norden nur ein Zweiundzwanzigstel von unserer im Süden. Unsere Handelsbilanz ist 144-mal so hoch. Und bei uns gibt es fast 20-mal so viele Handys. Aber dort oben leben immerhin halb so viele Menschen wie hier." Damit will er sagen: Sollten sich Nord- und Südkorea, die seit 68 Jahren im Kriegszustand sind, wieder vertragen, dann gäbe es plötzlich viel Raum für Geschäfte.

"Darauf stelle ich mich jetzt ein", sagt Lee, ein 40-jähriger Manager beim Vermögensverwalter BNK in Seoul. Lees Interesse am Norden entstand erst vor Kurzem. Bislang richtete er seine Investitionsstrategie immer am Kospi aus, Südkoreas Aktienleitindex. Aber seit diesem Jahr, glaubt er, müsste man woanders hinsehen. Während der Olympischen Winterspiele im Februar reiste eine nordkoreanische Delegation ins südkoreanische Pyeongchang, im April empfing Nordkoreas Regierungschef Kim Jong-un den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in, im Juni kamen sich auch noch Donald Trump und Kim Jong-un näher – da war für Lee Gun-min klar: "Mit Nordkorea könnte sich Geld verdienen lassen."

Einen Tag vor dem US-Nordkorea-Gipfel am 12. Juni in Singapur präsentierte BNK den seitdem von Lee Gun-min gemanagten "Wiedervereinigungsfonds Korea". Das Investitionsprodukt soll aus den Hoffnungen der politischen Welt Bares machen. "Ich lege das Geld unserer Klienten in Aktien solcher Unternehmen an, die von einer ökonomischen Integration der Koreas besonders profitieren würden."

Falls südkoreanische Unternehmen eines Tages in Nordkorea Geschäfte machen dürfen, wie die beiden Länder tatsächlich vorsichtig angedeutet haben, erwartet Lee Gun-min im Bereich Infrastruktur sowie in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie satte Aufträge. In den Fonds können Privatkunden und Finanzinstitute investieren.

Bisher liegt das Anlagevolumen allerdings nur bei fünf Milliarden Won (vier Millionen Euro). Lee glaubt, dass das an der Politik liegt: "Bisher betonen die Regierungen, dass vor einer weiteren Integration nukleare Abrüstung auf der nordkoreanischen und ein Abzug des US-Militärs auf der südkoreanischen Seite erreicht werden müssen." Das sind hohe Hürden. Sollten sie aber genommen werden, rechnet Lee damit, dass viel mehr Geld in seinen Fonds fließt.

Das politische Tauwetter zeigt sich auch in den Planungen einiger südkoreanischer Start-ups. Sie gehen bei der Berechnung des Marktpotenzials von 75 Millionen Koreanern aus, also der gesamten Bevölkerung der Halbinsel. Auf der Konferenz Invest Korea Week Anfang November in Seoul pries die südkoreanische Handelskammer ihr Land als Investitionsziel und Produktionsstandort an. In Sachen Nordkorea sagte ein Offizieller des Wirtschaftsministeriums seinem internationalen Publikum: "Die Integrationsverhandlungen laufen in eine gute Richtung. Und es wird für Sie alle Geschäfte geben." Ein Vertreter des Vereinigungsministeriums erklärte, Handel mit Nordkorea könnte ein neuer Wachstumsmotor für Südkorea werden.

Der Fondsmanager Lee Gun-min ist überzeugt, dass sein Wiedervereinigungsfonds langfristig fünf Prozentpunkte mehr Rendite abwerfen wird als der Leitindex Kospi. Im Portfolio hat er unter anderem Aktien von Hyundai, einem der größten Konglomerate Südkoreas. Sein Gründer Chung Ju-yung, ein gebürtiger Nordkoreaner, machte sich zeitlebens für die Integration der zwei Koreas stark. Nun träumt man im Konzern davon, dass man im Geburtsland seines Gründers in Zukunft gute Geschäfte machen könnte.

Dafür muss sich zwischen den beiden Koreas allerdings etwas Substanzielles tun. Denn Worte sind schnell gesagt – und schnell wieder vergessen. Versuche um die Jahrtausendwende, als Südkoreas Präsident Kim Dae-jung im Geiste Willy Brandts mit einer "Sonnenscheinpolitik" ein Appeasement mit dem Bruderstaat suchte, wurden von späteren Regierungen auf beiden Seiten der Grenze wieder zurückgeschraubt. Die Desillusionierten in Südkorea, die trotz der historischen Gipfeltreffen im Jahr 2018 unbeeindruckt bleiben, haben also gute Gründe zur Skepsis.